Interviews & Erlebnisberichte Rund um den Jugendkreuzweg

„Kreuz vergessen“ – Warum der Jugendkreuzweg so wichtig ist

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Die Karwoche verbringe ich gerne in einem (evangelischen) Kloster. Das Schweigen und die Konzentration tun gut. Vor allem aber ist es für mich wichtig, mich auf die Spuren Jesu zu begeben, seinen Passionsweg innerlich mit ihm mitzugehen bis zum Kreuz am Karfreitag – um dann in der langen Osternacht die Auferstehung zu feiern. Ich lasse mich ein auf das Geschehen damals und komme Jesus nahe. Umgekehrt spüre ich, dass er mir nahe kommt und mein Leben berührt, dass er mit mir ist. In all dem begreife ich mit dem Herzen und mit dem Verstand zumindest in einem Ausschnitt, was das heißen könnte: Er ist für uns gestorben. Eine Tür zum Verstehen öffnet sich – auch wenn das Geheimnis bleibt.

„Für uns gestorben und auferstanden“ – das Zentrum des Glaubens

Die Passion Jesu Christi, sein Tod am Kreuz und vor allem: seine Auferstehung von den Toten – sie sind das Zentrum des Evangeliums und damit des Neuen Testaments. Einzig und allein die Auferweckung genau dieses Gekreuzigten hat die Jesus-Bewegung nachhaltig in Gang gesetzt. Sie hat die ersten Jünger und Apostel so sehr ergriffen und fasziniert, dass sie mit Leidenschaft und unter hohen Lebensrisiken dieses Evangelium in ihre Welt getragen und verkündigt haben. Und es ist wenig erstaunlich, dass so viele Menschen dieser Botschaft vertraut haben und – ja eben – Christ*innen geworden sind. Christ*innen sind Menschen, die sich auf diesen Auferstandenen eingelassen haben und ihr Leben davon haben prägen lassen: Nämlich von dieser für viele schon damals irren Botschaft, dass sich in diesem Jesus Christus wirklich Gott selbst gezeigt hat („offenbart hat“ sagen Theolog*innen bisweilen), dass er Mensch geworden ist und „bei uns“ war – und nur darum auch heute „mit mir“ sein kann.

„Für uns gestorben“ – der gekreuzigte Gott

Wenn es nur um die fraglos hohe und faszinierende Moralität und Ethik dieses Jesus von Nazareth gegangen wäre, dann wäre die Geschichte von Jesus mit Sicherheit längst abgehakt und sie wäre eingereiht in unzählige andere göttlich motivierte oder einfach vernünftige Moralitäten. Sehr gut, aber so besonders nun auch wieder nicht.
Nein, bei Jesus geht es darum, dass er Gott war und dass in seinem Leiden und Sterben, in seiner Passion, Gott selbst gelitten hat und gekreuzigt worden ist. Nur das macht seinen Tod und sein Leiden zu einem „Leiden und zu einem Tod für alle Menschen – für uns“.
Gekreuzigt worden sind damals viele, und das ist schrecklich. Gefoltert und gemordet werden bis heute viele Menschen, und das ist genauso unfassbar schrecklich. Aber nur, wenn in Jesus Gott selbst gelitten hat und am Kreuz ermordet worden ist, dann hat beides miteinander zu tun. Nur dann, wenn der Tod Jesu Christi nicht nur ein zufälliges Geschichtsereignis war und ein Mord an einem menschlich und ethisch hochqualifizierten jüdischen Wanderprediger, nur dann hat er etwas mit dem Leiden und Sterben von Menschen auch heute zu tun. Nur dann, wenn dort am Kreuz von Golgatha der „gekreuzigte Gott selbst“ hängt und sich ­– in traditioneller Sprache ausgedrückt – für uns „aufgeopfert und hingegeben“ hat, nur dann ist das für mich von irgendeiner tiefer gehenden Bedeutung.

„Für uns gestorben“ – schwer zu verstehen

Es ist nur wahnsinnig schwer zu verstehen, was das genauer heißt.
Kein Wunder, dass schon damals zur Zeit des Neuen Testaments die Jünger Jesu und die ersten christlichen Theologen wie Paulus oder die Autoren der vier Evangelien darum gerungen haben: „Wie ist das eigentlich zu verstehen, dass dieser auferstandene Jesus Christus für uns gestorben ist?“ Sie haben Antworten gefunden, die damals plausibel waren und die für uns immer noch als Ausgangspunkt unseres Glaubens maßgeblich sind. Sie stehen in der Heiligen Schrift und sind damit eine Vorgabe für unser heutiges Verstehen, die wir nicht leichtfertig umkurven können.
Logisch, dass die Menschen in der christlichen Kirche (und dabei nicht nur die bestallten Theologen) es in den folgenden Jahrhunderten bis heute immer wieder versucht haben, genau dies auf der Basis der Heiligen Schrift durchzubuchstabieren: „Was bedeutet das eigentlich für mich, für uns heute, dass Jesus Christus für uns gestorben ist?“ Sie haben viele Antworten gefunden, die in ihre jeweilige Zeit und in ihre Denkmuster passten. Viele dieser Antworten und Erklärungen sind bis heute bedenkenswert, über manche Antworten können wir allerdings aus unserer Sicht und aus unserem Verständnis der Heiligen Schrift heraus nur den Kopf schütteln. Aber wer weiß, wer in hundert Jahren über unsere gegenwärtigen Erklärungsversuche den Kopf schüttelt….

„Für uns gestorben“ – noch ein Thema?

Problematisch und auch bedrückend ist es allerdings für mich, dass das intensive Bemühen um das Verstehen der Passion Jesu Christi und die existentielle, persönliche und weltumspannende Aneignung seines Todes für uns allzu sehr in den Hintergrund getreten zu sein scheint. Eigentlich überall: In der theologischen Ausbildung, in der kirchlichen Debatte und in der Praxis von Kirchengemeinden mit ihren Gottesdiensten und ihren vielfältigen Gruppen:
In der theologischen Forschung und Lehre – so scheint es mir in meiner zugegeben sehr selektiven Wahrnehmung – liegen andere, wenn auch fraglos relevante Themen obenauf.
Die Kirche beschäftigt sich vornehmlich mit sich selbst und mit kirchensoziologischen Fragen: vor allem damit, wie Kirche sich und ihre Angebote in einer säkularisierten Gesellschaft attraktiv machen könnte und wie Menschen zum Engagement motiviert werden könnten – und das ist ja auch total wichtig.
Im Zentrum von Debatten über den Glauben stehen eher die Fragen nach einem „Wellness-Gott“, der mir gut tut, nach der „Kirche der Freiheit“ und sozialethisch-politische Fragen – und das ist weiß Gott ja auch nicht falsch.
Und in den Gottesdiensten? Wann haben Sie, wann habt ihr das letzte Mal in einer Predigt Substantielles zur Passion und zum Kreuz Jesu Christi und seiner „Verheutigung“, zu seinem Verstehen gehört? Klar – es gibt eben viel anderes und gutes Religiöses zu sagen. Bisweilen allerdings auch – ich kann mir diese Bemerkung nicht verkneifen – viel Überflüssiges, Lapidares und seicht-religiöse Schwätzerei…
Immerhin: In jeder katholischen Messe und in jeder, allerdings in viel größeren Abständen stattfindenden, protestantischen Abendmahlsfeier stehen die Hingabe Jesu Christi am Kreuz und dessen „Heilsbedeutung“ im Zentrum – und das ist als Erinnerung und Vergegenwärtigung unschätzbar.

„Für uns gestorben“ - Kreuz vergessen?

Nur – insgesamt scheint mir: Wir vergessen oder verdrängen gerne in unserer Lebensrealität und auch in unserer religiösen, „geistlichen“ Realität die Passion Jesu und sein Kreuz. Aus verständlichen Gründen vielleicht: Die Passion Christi ist in der Tat von unserem Leben, wie wir es gerne hätten (!), sehr weit weg; sie ist nicht nur befremdlich, sondern auch unangenehm und löst möglicherweise tiefe Ängste aus. Und wir verstehen sie so schwer: Solche großen Begriffe wie „für unser Heil“, „Hingabe“, „Opfer“, für unsere Sünden“ sind ja auch kaum noch zugänglich und auszuloten, heutzutage wohl weniger denn je – vor allem, wenn sie niemand erklärt und erfassbar macht, für den Kopf und für das Herz.
Dabei brauchen wir in unserer Lebensrealität, so wie sie ist (!), diesen Gekreuzigten mehr denn je – oder eben: genauso viel wie eh und je.

„Für uns gestorben“ – dem Geheimnis auf der Spur

Genau darum bin ich als Theologe, als Pastor und als Engagierter für die christliche Jugendarbeit so dankbar, dass es den Ökumenischen Kreuzweg der Jugend (JKW) gibt. Und darum arbeite ich auch mit Leidenschaft seit vielen Jahren an seinen Texten und seiner Gestaltung mit. Allerdings – um Missverständnissen vorzubeugen – ich bin keineswegs der Ansicht, dass der JKW in einer christologischen Wüste die einzige Christ-Rose sei, die da blüht. Vielmehr bin ich der Ansicht, dass es auch andere gute Materialien gibt und viele Mitarbeitende, die jungen Menschen die Passion und die Auferstehung Jesu Christi vor Augen malen und verständlich machen.
Der Ökumenische Kreuzweg der Jugend ist schlichtweg ein aus meiner Sicht gutes und bewährtes Konzept, um junge Menschen mitzunehmen auf einen Weg, um sich der Passion und dem Kreuzestod Jesu Christi anzunähern und dem Geheimnis des Lebens und Sterbens von Jesus auf die Spur zu kommen.
Der Jugendkreuzweg hat dabei eine mehrfache religionspädagogische Perspektive:

  • Das Ziel des Jugendkreuzweges ist zum einen ein informatives: Junge Menschen lassen sich ein auf das Passionsgeschehen „damals“. Sie gewinnen in Zeiten zunehmender religiöser Sprachunfähigkeit und reduzierter Kenntnisse der Grunddaten des christlichen Glaubens einen geschichtlichen Zugang zum Geschehen der Passion Jesu Christi als zentralem Ereignis des Glaubens: „Was ist damals eigentlich passiert?“

  • Dies geschieht in erster Linie durch einen performativen, erlebnisorientierten Zugang: Wer den Jugendkreuzweg mitgeht und mitbetet, spürt dem Leidensweg Jesu Christi nach. Wer sich darauf einlässt, geht in seinem und ihrem inneren Erleben mit Jesus damals mit und erlebt den Weg Jesu Christi mit, fühlt sich ein – und versteht möglicherweise etwas von dem, was Jesus wollte.

  • Das Leiden Jesu Christi wird in Beziehung gesetzt zu Lebenswirklichkeiten und lebensweltlichen Erfahrungen junger Menschen und zu gesellschaftlichen und globalen Wirklichkeiten des Leidens und der Ungerechtigkeit. Im Nachspüren des Leidensweges Jesu Christi können junge Menschen erleben und wenigstens anfänglich verstehen, was die biblischen Texte und was Jesus Christus mit ihrem persönlichen Leben und mit aktuellem Zeitgeschehen zu tun haben.

  • Ein zentraler Gedanke ist dabei das, was wir die Compassion, das Mit-Leiden Jesu Christi mit uns, nennen: Jesus leidet nicht nur für sich, sondern in allen Stationen seines Leidensweges ist zu entdecken, dass er am Leiden der Menschen in dieser Welt teilnimmt, an persönlichem Leiden genauso wie am globalen Leiden der gesamten Schöpfung und in allen gesellschaftlich-politischen Verwerfungen. Jesus erleidet in seinem Leiden das Leid der Welt. Man könnte auch sagen, er erleidet die Sünden der Welt und trägt sie mit bis ans Kreuz.

  • Und in alldem leuchtet es immer wieder auf: Die Passion und der Kreuzestod Jesus Christi haben etwas mit unserer Beziehung zu Gott zu tun, die heil werden darf. Und damit ist das Kreuz Jesu Christi unweigerlich verbunden mit der Vergebung der Sünden und dem Heil der Welt – so schwer das grad heute zu verstehen ist.

Was Theolog*innen mit Recht in komplizierten Gedankengängen versuchen zu entfalten – im Beten und Feiern des Kreuzweges soll es für junge Menschen auf andere Weise für Herz und Verstand fassbarer werden.
Das Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu Christi bleibt. Wir werden es kaum final entschlüsseln. Aber es ist für Glauben und Kirche überlebenswichtig, dies als Zentrum zu behalten: „Für uns gestorben“. Der Jugendkreuzweg ist eine Tür für junge (und auch ältere) Menschen, sich mit diesem Geheimnis zu beschäftigen und es im eigenen Leben zu entdecken, was das heißen könnte: #beimir. Er ist bei mir.

Michael Freitag