Interviews & Erlebnisberichte Rund um den Jugendkreuzweg

O Töne Jugendkreuzweg Web

3 Fragen an ... Bernd Arnold

Warum eigentlich ist es eher die Subjektivität von Fotograf und Betrachtendem, die in der Fotografie etwas von Wahrheit sichtbar werden lässt?

B. A.: Sie liegt im Moment eines gemeinsamen Raumes. In der Kunst und in diesem Fall in der Fotografie wird ein „Raum“ erzeugt, in dem die Subjektivität des Betrachters und des Fotografen zusammengeführt wird. Es entsteht für den Moment der Betrachtung eine gemeinsame Wahrheit.

Lebenssituationen und Alltagsleben sind auf den Bildern von #beimir zu sehen. Was ist für Dich daran anders, Szenen gerade für junge Menschen zu fotografieren?

Ich finde die Lebenssituationen in ihren existentiellen Ausprägungen in den verschiedenen Generationen gar nicht so weit voneinander entfernt. Von daher versuche ich übergreifende Ideen zu finden, die eher das Universale sucht. Junge Menschen sind aufgeschlossener, offener und flexibler und das macht es mir leichter, bewährte Pfade zu verlassen und andere Möglichkeiten auszuloten.

Du bist mitten in einer dieser Alltagssituationen und würdest ganz persönlich erfahren: „Gott ist bei mir“. Worum würdest Du ihn bitten?

Die Energie, das Eingebunden-Sein im Fluss von Alltag, Zeiten und Gewohnheiten zu überwinden, innezuhalten, um Offenheit für den Moment des Geschehens zu gewinnen. Was immer daraus entsteht…

Interview: Alexander Bothe

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Bernd Arnold
arbeitet als Fotokünstler und als freier Fotograf für deutsche und internationale Printmedien. Ein zentrales Thema in seinem Werk ist für ihn „Macht und Ritual“. Für den Jugendkreuzweg entwickelte Bernd Arnold mit uns die Stationen, Fotoshootings und Bildbearbeitungen der Fotos von #beimir.

www.berndarnold.de

3 Fragen an ... Laura Langenbrink

Wie verändert dein Glaube an Gott deinen Alltag?

Ich würde nicht sagen, dass der Glaube meinen Alltag verändert. Er ist eher ein Teil vom Alltag und von meinem Handeln.

Kennst du Situationen, in denen du merkst: Jetzt ist Gott bei mir?

Ich bin in einem kirchlichen Jugendverband aktiv. Wir bieten kleinere und größere Aktionen für Kinder und Jugendliche an. Wenn wir auf eine erfolgreiche Aktion zurückblicken, beispielsweise eine Ferienfreizeit, bei der alles geklappt hat:
In so einer Situation denke ich, dass Gott da sicherlich auch mitgewirkt hat.

Zu Freunden sagt man manchmal: Schön, dass du bei mir bist. Wie machst du das bei Gott?

Im Gebet. Ich bete zwar nicht wirklich regelmäßig – im Alltag fehlt mir einfach die Ruhe – aber wenn ich bete, dann nehme ich mir ganz bewusst Zeit dafür. Besonders gut gelingt mir das in Taizé. Taizé kann ich jedem nur empfehlen!

Interview: Daniel Gewand.

Laura Langenbrink Web rund

Laura Langenbrink
hat sich für den Jugendkreuzweg #beimir fotografieren lassen. Sie ist auf dem Bild der dritten Kreuzweg-Station zu sehen. Laura ist 21 Jahre alt und studiert Soziale Arbeit in Köln.

3 Fragen an ... Philipp Schall

Digitale Kommunikation ist Lebenswirklichkeit, das Smartphone für viele Menschen immer «bei mir». Wie wird für Dich die digitale Kommunikation die Vernetzung von Menschen weiter verändern?

P. S.: In den folgenden Entwicklungsstufen der Digitalisierung wird der Austausch von Informationen und damit auch Gefühlszuständen, sozialen Bedürfnissen, Weltanschauungen etc. über die verschiedenen Formen Online-Netzwerke in nie dagewesender Intensität stattfinden. Die wichtigste neue Veränderung in der Art wie wir Menschen kommunizieren, ist dass wir auch über Distanzen hinweg bzw. mit mehreren anderen Menschen gleichzeitig in Verbindung treten können.
Eins der wichtigsten Tools, um diesen Austausch zu starten ist das allgegenwärtige Smartphone. Alternativ können gegebenenfalls noch der Computer oder neuerdings noch eingeschränkt über Assistenzsysteme wie beispielsweise Amazon‘s Alexa Zugang zu den Kommunikationsmöglichkeiten geben. Aber für die nächste Zeit wird das Smartphone noch die dominierende mobile und damit auch uns stets begleitene Kommunikationslösung sein.

Christliche, kirchliche Vergemeinschaftung steht auch in Wechselbeziehung mit den sich wandelnde Medien. Warum ist es als Produzent und als Person anders, eine App gerade für das Gebet, das Meditieren eines Kreuzwegs auf den Weg zu bringen?

In der heutigen digitalen und hektischen Welt ist es für viele Menschen gar nicht mehr so einfach, Ruhe zu finden, sich wichtige Fragen zu stellen oder im Gebet zu reflektieren. Daher müssen wir den Medienwandel einfach mitgehen und über die neuen Möglichkeiten alternative Angebote mit Relevanz schaffen. So schaffen wir kirchliche Angebote für die Lebenswirklichkeit, in der sich die Menschen heutzutage aufhalten.

Wie schon mal erlebt: „Gott ist bei mir“?

Es gab sicher die eine oder andere Gelegenheit bei der ich Gottes Präsenz besonders erleben durfte. Diese Momente waren immer unterschiedlich, von kleiner perfekter Schönheit oder leutchtender Erhabenheit, von der persönlichen einfacher Freude über die Schöpfung über das Erleben in Zweisamkeit bis hin zu grossen spirituellen Gemeinschaftserlebnissen. Daher also manchmal allein, oft auch mit Anderen zusammen, immer in meinem Herzen. Oft teile ich auch dies - mal mehr mal weniger explizit - auf den sozialen Medien.

Interview: Alexander Bothe

Philipp Schall Web rundPhilipp Schall
leitet zusammen mit dem TELLUX-Holding-CEO Martin Choroba als Geschäftsführer die Tellux Next GmbH. Als Filmproduzent ist er international erfahren und betreibt seit Jahren außerdem Game-Development mit Drehbuchautoren und interdisziplinären Kreativen. Für den Ökumenischen Kreuzweg der Jugend hat er mit seinem Team um Quirin Münch die App zu #beimir entwickelt.

telluxnext.de

JesusArt & Sprayen in der Live- Rezeption – Ein Rückblick des Kreuzwegkünstlers Mika Springwald

Mika Springwald Web

Für mich ist Stencils zu Sprayen Psychohygiene, es ist eine Kunstform, in der Botschaft, Ästhetik und Prophetie, Protest sich vereinen. Doch den Jugendkreuzweg für JesusArt gemeinsam mit Jugendlichen gesprayt zu haben, das ist noch mal eine Dimension besonders. Als ich letztes Jahr Teil des Weges des Ökumenischen Kreuzwegs der Jugend wurde, war mir deshalb zuallererst wichtig, dass die, die ihn in ganz Deutschland kennen lernen, die ihn beten, in ihm mehr finden als eine „nette Kunstform“. Es geht mir bei den Bildern um das eigene Leben, den Alltag der Menschen, um das eigene Leid und das Leid in der Welt. Und zumindest ein Stück weit habe ich erlebt, dass es Menschen tatsächlich genau da gepackt hat.

Ich habe für den Kreuzweg JesusArt eine riesige Nachfrage nach den Bildern, nach der Kunst und nach deren Verbindung mit dem Kreuzweggeschehen erhalten. Von mehrtägigen Kreativworkshops, die in den verschiedensten Kontexten durchgeführt werden sollten, bis hin zu reinen „Ausstellungen“ des Kreuzwegs war alles dabei. In Schulen etwa wurden in mehreren Durchgängen die Stationen des Kreuzweges erarbeitet, ehe einzelne davon durch das Sprühen noch einmal ganz anders erfahrbar gemacht wurde. Egal in welchem Setting, die Jugendlichen konnten oft eigene Impulse einbauen und z.B. mit Farben experimentieren, um dann mit dem Originalmotiv die Station zu vollenden.

Für mich war es toll, gerade die Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu begleiten, künstlerisch ausdrucksstarke Ergebnisse entstehen zu lassen. Mehr noch hat mich jedoch berührt, wie in der Erarbeitungs- und Herstellungsphase die Themenaspekte der einzelnen Stationen angesprochen werden konnten und mit dem eigenen Leben in Beziehung gebracht wurden. Viele intensive Gespräche resultierten aus der intensiven Selbstbetrachtung und dem nachdenklichen Blick auf unsere Welt im Großen und Kleinen. So hat mich umgekehrt als Künstler und kreativer Prozessbegleiter des Kreuzweges zutiefst bereichert, wie wirkungsvoll diese Street Art ist und auch gerade optimal den Zeitgeist ausdrückt, ohne dabei oberflächlich zu sein.

In Unterschiedlichen Varianten von Kreuzweg- Gottesdiensten oder Andachten war für mich erlebbar, wie methodisch kreativ Kreuzwege gestaltet und wie emotional hier Anstöße sein können, um echte Nachhaltigkeit zu ermöglichen. Gerade in der Arbeit mit Sprayen für JesusArt in Gemeinden gelang es oft, einen neuen Zugang zum Kreuzweggeschehen zu öffnen. Die ziemlich intensive Vorbereitung ließ Wege entstehen, die im weiteren Sinne faszinierten, aber eben auch manche Träne hervor riefen im Blick auf Not, Elend, Leid und Hoffnungslosigkeit von Lebenssituationen vieler Menschen in unserer Zeit. Dabei aber war der Transfer ins eigene Leben und Leid genauso da wie derjenige auf den persönlichen Nächsten in meiner eigenen Welt – es geht darum, zu handeln, etwas zu verändern.

12891545 10209060900510057 2830466247271103045 oIch bin absolut dankbar, diese Erfahrungen gemacht zu haben. Meine Hoffnung ist, dass Street Art und die Sprühdose Medien bleiben, die auch im kirchlichen Kontext Wirkung haben: Kreative und künstlerische, sozialkritische und mahnende… und manchmal soll es einfach nur schön und spaßig sein. Mit den Materialien von JesusArt geht es ja weiter, mit denen von #beimir sind zusätzliche neue Möglichkeiten entstanden. Ich freue mich, dass wir gemeinsam Sprayen für diese Botschaft von dem Leid und der Liebe von Jesus Christus.

Mika Springwald
ist Stencil-Art-Künstler und hauptberuflich Sozialarbeiter im Caritasverband für die Stadt und den Landkreis Osnabrück. Er arbeitet für und mit Menschen, die hart darum kämpfen, ins Leben reinzukommen – seine Kunst bringt ihn mit Stars von Musik bis Fußball zusammen. Der Ökumenische Kreuzweg der Jugend JesusArt basierte auf Bildern aus einem seiner Projekte mit Firmlingen. Für #beimir ließ er zusammen mit Bernd Arnold und uns Jesus auf seinem Kreuzweg mitten in unserer Welt durch gesprayte Stencils sichtbar werden.

Gott ist immer #beimir

Die Frage, wie oder ob Gott bei mir ist, ist nicht schwer zu beantworten, wenn man sich mit offenen Augen auf die Suche begibt: Junge Menschen auf der ganzen Welt tragen Gott bei sich und tragen ihn und seine Botschaft in die Welt.

Werfen wir einen Blick nach Köln. Hier ist zum Beispiel Yannik unterwegs. Er ist 17 Jahre alt und Messdienerleiter in der Pfarreiengemeinschaft Roncalli: „Der Glaube und Gott tauchen in meinem Alltag immer wieder auf. Als Messdienerleiter müssen wir oft liturgische Dinge vorbereiten und dabei im Blick behalten, wie man Glaube leben und vor allem, wie man den Messdienerkindern Glaube vermitteln kann. Bei den Messdienern geht es ja nicht nur darum, gemeinsam Spaß außerhalb der Messe zu haben – auch wenn wir gerne gemeinsam Spaß haben und Gott dabei natürlich nicht fehlt. Dennoch ist es wichtig, dass wir uns bewusst mit Gott auseinandersetzen. Ich bin immer wieder über die tollen Erfahrungen erstaunt, wenn wir mit den Kindern ein „Liturgie-Wochenende“ veranstalten: Letztes Mal haben wir z.B. Bilder dafür gesucht und gefunden, wo Gott im Alltag zu finden ist.
Für mich persönlich kann ich den Glauben immer wieder erleben, wenn ich in Gemeinschaft die Heilige Messe feiere. Dort kann ich in Ruhe darüber nachdenken, wo Gott mir in meinem Leben begegnet. Immer wieder merke ich, was ich alles Gutes und Schönes erleben darf. Ich bin dankbar für meinen starken Glauben, denn Gott gibt mir Kraft im Leben. Mir ist es wichtig, den Glauben an Gott und die Gemeinschaft mit ihm zu vermitteln. Ich finde, jeder sollte Gott und den Glauben erfahren dürfen.“ Die Messdiener sind eine große Gruppe, in denen sich junge Menschen offen und ehrlich für ihren Glauben einsetzen und Gott bei sich tragen. Gerade Kinder sind oft stolz darauf, eine verantwortungsvolle Aufgabe in der Kirche zu übernehmen und beim Gottesdienst ganz vorne mit dabei zu sein. Hier wird ihnen etwas zugetraut und sie sind damit ein wichtiger Bestandteil der kirchlichen Gemeinschaft.

Wahrscheinlich gibt es noch viele andere junge Menschen, die etwas zum Thema des Ökumenischen Kreuzweg der Jugend zu sagen haben und für die ganz deutlich ist, wo Gott bei ihnen ist. Jonas bringt es letztlich auf den Punkt: „#beimir- Gott bei mir? Ich bin Jonas, 19 Jahre alt und seit Jahren engagiere ich mich in meiner Gemeinde. Mir ist es wichtig, mich einzusetzen und etwas zu bewegen. Damit ich das kann, bin ich Mitglied im Pfarrgemeinderat. Wo Gott bei mir ist? Gott ist immer bei mir!“

Vera Polch Web

Vera Polch
ist Jugendreferentin bei der Katholischen Jugend Agentur Köln und ist zuständig für den Ökumenischen Jugendkreuzweg in Köln. Sie begleitet verschiedene kirchliche Jugendgruppen in Köln Rath/Heumar und hat für den Jugendkreuzweg #beimir Kontakte zu verschiedenen Jugendgruppen, insbesondere den Messdienern hergestellt und sie beim Fotoshooting begleitet.

Gott ist immer bei uns: Interview mit Rojeh Kanoungi aus Syrien

Rojeh, du bist Christ. Was ist dir wichtig an deinem Glauben?

Viele wichtige Dinge kann man von Jesus lernen: Glaube, Liebe und Toleranz, aber am wichtigsten ist der Glaube. Ohne Glauben klappt nichts. Wie bei Petrus als er Jesus auf dem Wasser entgegengeht. Als Petrus nicht mehr glaubt, geht er unter.

Warum glaubst du?

Weil Jesus für uns und unsere Sünden gekreuzigt wurde und er uns unsere Schuld vergibt. Außerdem empfinde ich es als ein großes Geschenk, dass ich überhaupt an ihn glauben kann.

Wie war das bei deiner Flucht von Syrien nach Deutschland?

Gott war jeden Tag bei mir. Er ist mit mir unterwegs gewesen. Mein Bruder und ich sind nachts alleine mitten auf dem Meer getrieben. Nach sechs Stunden hat uns jemand geholfen. Ich bin überzeugt: Gott war bei mir. Er hat mich begleitet als ich nach Deutschland geflohen bin. Ich glaube ohne unseren Glauben wären mein Bruder und ich nie in Deutschland angekommen.

Wie ist das in deinem Alltag in Köln?

Ich merke, dass Gott bei mir ist. Deswegen mache ich mir keine Sorgen. Ich glaube Gott ist bei mir und er ist bei allen Menschen, die das wollen. Wenn jemand mit Gott durch den Alltag gehen möchten, dann ist Gott auch bei ihnen.

Du bist weit weg von zuhause. Hat sich dein Glaube dadurch verändert?

Als ich nach Deutschland gekommen bin war ich schockiert. Ich hätte nicht gedacht, dass so viele Menschen in Deutschland Atheisten sind. In Deutschland werde ich immer gefragt: Warum glaubst du an Gott? Und viele sagen mir sie glauben nicht, weil ihnen etwas Schlimmes passiert ist und Gott nicht da war. Da sind dann immer die gleichen Fragen: Wo bist du, Gott? Warum hilfst du mir nicht, Gott? Warum bist du nicht da, Gott? Meine Antwort lautet dann immer: Gott ist da und er ist bei dir.
In Aleppo, in Syrien ist heute Krieg. Viele Menschen sind tot. Aber ich glaube Gott ist da – auch nach der Katastrophe.

Hast du nie gezweifelt?

Ich habe nie gezweifelt. Ich unterhalte mich immer darüber mit meinem Bruder. Ich erzähle mal ein Beispiel: Man hat eine Prüfung und man fällt durch. Und dann fragt man wo bist du Gott? Das ist falsch. Meine Frage ist dann: Hat man gelernt? Gott hilft, aber du musst auch was tun. Du musst lernen.
Für mich gilt: Arbeite und mach was du kannst, dann ist Gott bei dir. Wenn du nur dasitzt und nichts tust, brauchst du Gott nicht fragen: Wo bist du? Du musst auch selber was tun.

Bei dir hört sich das so einfach an. War dir das immer so klar?

Nein, erst als ich Soldat wurde. Das war für mich sehr schwer und ich hatte Angst. Ich fragte Gott: Wo bist du? und Kannst du mir helfen? Alleine kann ich das nicht schaffen. Mir war wichtig, dass Gott bei mir ist und ich ihn spüre. Das habe ich damals aber nicht und mich sehr einsam gefühlt. Erst nachdem ich Soldat geworden bin, habe ich gemerkt, dass Gott bei mir war – jede Minute, jeden Tag. Seitdem ist mir klar: Ich muss Gott spüren wollen, dann spüre ich ihn und merke: Er ist bei mir. Aber, egal ob wir ihn spüren oder nicht: Gott ist immer bei uns.

Interview: Daniel Gewand.

Rojeh Kanoungi Web

Rojeh Kanoungi
ist vor zwei Jahren zusammen mit seinem Bruder aus Syrien geflohen. Seitdem lebt er in Köln. Zurzeit besucht er einen Deutschkurs und arbeitet einmal in der Woche als Mechaniker in einer LKW-Werkstatt. Gerne würde er in diesem Bereich eine Ausbildung anfangen. Für den Jugendkreuzweg #beimir hat er sich in der Warteschlange an einer Kölner Eisdiele fotografieren lassen. In seiner Heimat Syrien ist er aufgewachsen mit einem tiefem Vertrauen auf Gott und einem intensivem Glaubensleben mit hoher Alltagsrelevanz.

„Kreuz vergessen“ – Warum der Jugendkreuzweg so wichtig ist

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Die Karwoche verbringe ich gerne in einem (evangelischen) Kloster. Das Schweigen und die Konzentration tun gut. Vor allem aber ist es für mich wichtig, mich auf die Spuren Jesu zu begeben, seinen Passionsweg innerlich mit ihm mitzugehen bis zum Kreuz am Karfreitag – um dann in der langen Osternacht die Auferstehung zu feiern. Ich lasse mich ein auf das Geschehen damals und komme Jesus nahe. Umgekehrt spüre ich, dass er mir nahe kommt und mein Leben berührt, dass er mit mir ist. In all dem begreife ich mit dem Herzen und mit dem Verstand zumindest in einem Ausschnitt, was das heißen könnte: Er ist für uns gestorben. Eine Tür zum Verstehen öffnet sich – auch wenn das Geheimnis bleibt.

„Für uns gestorben und auferstanden“ – das Zentrum des Glaubens

Die Passion Jesu Christi, sein Tod am Kreuz und vor allem: seine Auferstehung von den Toten – sie sind das Zentrum des Evangeliums und damit des Neuen Testaments. Einzig und allein die Auferweckung genau dieses Gekreuzigten hat die Jesus-Bewegung nachhaltig in Gang gesetzt. Sie hat die ersten Jünger und Apostel so sehr ergriffen und fasziniert, dass sie mit Leidenschaft und unter hohen Lebensrisiken dieses Evangelium in ihre Welt getragen und verkündigt haben. Und es ist wenig erstaunlich, dass so viele Menschen dieser Botschaft vertraut haben und – ja eben – Christ*innen geworden sind. Christ*innen sind Menschen, die sich auf diesen Auferstandenen eingelassen haben und ihr Leben davon haben prägen lassen: Nämlich von dieser für viele schon damals irren Botschaft, dass sich in diesem Jesus Christus wirklich Gott selbst gezeigt hat („offenbart hat“ sagen Theolog*innen bisweilen), dass er Mensch geworden ist und „bei uns“ war – und nur darum auch heute „mit mir“ sein kann.

„Für uns gestorben“ – der gekreuzigte Gott

Wenn es nur um die fraglos hohe und faszinierende Moralität und Ethik dieses Jesus von Nazareth gegangen wäre, dann wäre die Geschichte von Jesus mit Sicherheit längst abgehakt und sie wäre eingereiht in unzählige andere göttlich motivierte oder einfach vernünftige Moralitäten. Sehr gut, aber so besonders nun auch wieder nicht.
Nein, bei Jesus geht es darum, dass er Gott war und dass in seinem Leiden und Sterben, in seiner Passion, Gott selbst gelitten hat und gekreuzigt worden ist. Nur das macht seinen Tod und sein Leiden zu einem „Leiden und zu einem Tod für alle Menschen – für uns“.
Gekreuzigt worden sind damals viele, und das ist schrecklich. Gefoltert und gemordet werden bis heute viele Menschen, und das ist genauso unfassbar schrecklich. Aber nur, wenn in Jesus Gott selbst gelitten hat und am Kreuz ermordet worden ist, dann hat beides miteinander zu tun. Nur dann, wenn der Tod Jesu Christi nicht nur ein zufälliges Geschichtsereignis war und ein Mord an einem menschlich und ethisch hochqualifizierten jüdischen Wanderprediger, nur dann hat er etwas mit dem Leiden und Sterben von Menschen auch heute zu tun. Nur dann, wenn dort am Kreuz von Golgatha der „gekreuzigte Gott selbst“ hängt und sich ­– in traditioneller Sprache ausgedrückt – für uns „aufgeopfert und hingegeben“ hat, nur dann ist das für mich von irgendeiner tiefer gehenden Bedeutung.

„Für uns gestorben“ – schwer zu verstehen

Es ist nur wahnsinnig schwer zu verstehen, was das genauer heißt.
Kein Wunder, dass schon damals zur Zeit des Neuen Testaments die Jünger Jesu und die ersten christlichen Theologen wie Paulus oder die Autoren der vier Evangelien darum gerungen haben: „Wie ist das eigentlich zu verstehen, dass dieser auferstandene Jesus Christus für uns gestorben ist?“ Sie haben Antworten gefunden, die damals plausibel waren und die für uns immer noch als Ausgangspunkt unseres Glaubens maßgeblich sind. Sie stehen in der Heiligen Schrift und sind damit eine Vorgabe für unser heutiges Verstehen, die wir nicht leichtfertig umkurven können.
Logisch, dass die Menschen in der christlichen Kirche (und dabei nicht nur die bestallten Theologen) es in den folgenden Jahrhunderten bis heute immer wieder versucht haben, genau dies auf der Basis der Heiligen Schrift durchzubuchstabieren: „Was bedeutet das eigentlich für mich, für uns heute, dass Jesus Christus für uns gestorben ist?“ Sie haben viele Antworten gefunden, die in ihre jeweilige Zeit und in ihre Denkmuster passten. Viele dieser Antworten und Erklärungen sind bis heute bedenkenswert, über manche Antworten können wir allerdings aus unserer Sicht und aus unserem Verständnis der Heiligen Schrift heraus nur den Kopf schütteln. Aber wer weiß, wer in hundert Jahren über unsere gegenwärtigen Erklärungsversuche den Kopf schüttelt….

„Für uns gestorben“ – noch ein Thema?

Problematisch und auch bedrückend ist es allerdings für mich, dass das intensive Bemühen um das Verstehen der Passion Jesu Christi und die existentielle, persönliche und weltumspannende Aneignung seines Todes für uns allzu sehr in den Hintergrund getreten zu sein scheint. Eigentlich überall: In der theologischen Ausbildung, in der kirchlichen Debatte und in der Praxis von Kirchengemeinden mit ihren Gottesdiensten und ihren vielfältigen Gruppen:
In der theologischen Forschung und Lehre – so scheint es mir in meiner zugegeben sehr selektiven Wahrnehmung – liegen andere, wenn auch fraglos relevante Themen obenauf.
Die Kirche beschäftigt sich vornehmlich mit sich selbst und mit kirchensoziologischen Fragen: vor allem damit, wie Kirche sich und ihre Angebote in einer säkularisierten Gesellschaft attraktiv machen könnte und wie Menschen zum Engagement motiviert werden könnten – und das ist ja auch total wichtig.
Im Zentrum von Debatten über den Glauben stehen eher die Fragen nach einem „Wellness-Gott“, der mir gut tut, nach der „Kirche der Freiheit“ und sozialethisch-politische Fragen – und das ist weiß Gott ja auch nicht falsch.
Und in den Gottesdiensten? Wann haben Sie, wann habt ihr das letzte Mal in einer Predigt Substantielles zur Passion und zum Kreuz Jesu Christi und seiner „Verheutigung“, zu seinem Verstehen gehört? Klar – es gibt eben viel anderes und gutes Religiöses zu sagen. Bisweilen allerdings auch – ich kann mir diese Bemerkung nicht verkneifen – viel Überflüssiges, Lapidares und seicht-religiöse Schwätzerei…
Immerhin: In jeder katholischen Messe und in jeder, allerdings in viel größeren Abständen stattfindenden, protestantischen Abendmahlsfeier stehen die Hingabe Jesu Christi am Kreuz und dessen „Heilsbedeutung“ im Zentrum – und das ist als Erinnerung und Vergegenwärtigung unschätzbar.

„Für uns gestorben“ - Kreuz vergessen?

Nur – insgesamt scheint mir: Wir vergessen oder verdrängen gerne in unserer Lebensrealität und auch in unserer religiösen, „geistlichen“ Realität die Passion Jesu und sein Kreuz. Aus verständlichen Gründen vielleicht: Die Passion Christi ist in der Tat von unserem Leben, wie wir es gerne hätten (!), sehr weit weg; sie ist nicht nur befremdlich, sondern auch unangenehm und löst möglicherweise tiefe Ängste aus. Und wir verstehen sie so schwer: Solche großen Begriffe wie „für unser Heil“, „Hingabe“, „Opfer“, für unsere Sünden“ sind ja auch kaum noch zugänglich und auszuloten, heutzutage wohl weniger denn je – vor allem, wenn sie niemand erklärt und erfassbar macht, für den Kopf und für das Herz.
Dabei brauchen wir in unserer Lebensrealität, so wie sie ist (!), diesen Gekreuzigten mehr denn je – oder eben: genauso viel wie eh und je.

„Für uns gestorben“ – dem Geheimnis auf der Spur

Genau darum bin ich als Theologe, als Pastor und als Engagierter für die christliche Jugendarbeit so dankbar, dass es den Ökumenischen Kreuzweg der Jugend (JKW) gibt. Und darum arbeite ich auch mit Leidenschaft seit vielen Jahren an seinen Texten und seiner Gestaltung mit. Allerdings – um Missverständnissen vorzubeugen – ich bin keineswegs der Ansicht, dass der JKW in einer christologischen Wüste die einzige Christ-Rose sei, die da blüht. Vielmehr bin ich der Ansicht, dass es auch andere gute Materialien gibt und viele Mitarbeitende, die jungen Menschen die Passion und die Auferstehung Jesu Christi vor Augen malen und verständlich machen.
Der Ökumenische Kreuzweg der Jugend ist schlichtweg ein aus meiner Sicht gutes und bewährtes Konzept, um junge Menschen mitzunehmen auf einen Weg, um sich der Passion und dem Kreuzestod Jesu Christi anzunähern und dem Geheimnis des Lebens und Sterbens von Jesus auf die Spur zu kommen.
Der Jugendkreuzweg hat dabei eine mehrfache religionspädagogische Perspektive:

  • Das Ziel des Jugendkreuzweges ist zum einen ein informatives: Junge Menschen lassen sich ein auf das Passionsgeschehen „damals“. Sie gewinnen in Zeiten zunehmender religiöser Sprachunfähigkeit und reduzierter Kenntnisse der Grunddaten des christlichen Glaubens einen geschichtlichen Zugang zum Geschehen der Passion Jesu Christi als zentralem Ereignis des Glaubens: „Was ist damals eigentlich passiert?“

  • Dies geschieht in erster Linie durch einen performativen, erlebnisorientierten Zugang: Wer den Jugendkreuzweg mitgeht und mitbetet, spürt dem Leidensweg Jesu Christi nach. Wer sich darauf einlässt, geht in seinem und ihrem inneren Erleben mit Jesus damals mit und erlebt den Weg Jesu Christi mit, fühlt sich ein – und versteht möglicherweise etwas von dem, was Jesus wollte.

  • Das Leiden Jesu Christi wird in Beziehung gesetzt zu Lebenswirklichkeiten und lebensweltlichen Erfahrungen junger Menschen und zu gesellschaftlichen und globalen Wirklichkeiten des Leidens und der Ungerechtigkeit. Im Nachspüren des Leidensweges Jesu Christi können junge Menschen erleben und wenigstens anfänglich verstehen, was die biblischen Texte und was Jesus Christus mit ihrem persönlichen Leben und mit aktuellem Zeitgeschehen zu tun haben.

  • Ein zentraler Gedanke ist dabei das, was wir die Compassion, das Mit-Leiden Jesu Christi mit uns, nennen: Jesus leidet nicht nur für sich, sondern in allen Stationen seines Leidensweges ist zu entdecken, dass er am Leiden der Menschen in dieser Welt teilnimmt, an persönlichem Leiden genauso wie am globalen Leiden der gesamten Schöpfung und in allen gesellschaftlich-politischen Verwerfungen. Jesus erleidet in seinem Leiden das Leid der Welt. Man könnte auch sagen, er erleidet die Sünden der Welt und trägt sie mit bis ans Kreuz.

  • Und in alldem leuchtet es immer wieder auf: Die Passion und der Kreuzestod Jesus Christi haben etwas mit unserer Beziehung zu Gott zu tun, die heil werden darf. Und damit ist das Kreuz Jesu Christi unweigerlich verbunden mit der Vergebung der Sünden und dem Heil der Welt – so schwer das grad heute zu verstehen ist.

Was Theolog*innen mit Recht in komplizierten Gedankengängen versuchen zu entfalten – im Beten und Feiern des Kreuzweges soll es für junge Menschen auf andere Weise für Herz und Verstand fassbarer werden.
Das Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu Christi bleibt. Wir werden es kaum final entschlüsseln. Aber es ist für Glauben und Kirche überlebenswichtig, dies als Zentrum zu behalten: „Für uns gestorben“. Der Jugendkreuzweg ist eine Tür für junge (und auch ältere) Menschen, sich mit diesem Geheimnis zu beschäftigen und es im eigenen Leben zu entdecken, was das heißen könnte: #beimir. Er ist bei mir.

Michael Freitag