Passion, Jugend und Glaubensbildung

Im Leben
Im Streben
Im Zentrum
:
Das Kreuz.

Das Kreuz ist Zeichen und Zentrum christlichen Glaubens. Dieses Symbol und alles was, sich geistlich mit dem Passions- und Ostergeschehen verbindet, hat für Christinnen und Christen eine hohe Bedeutung für ihren Glauben und es ist gut, mit jungen Menschen darüber ins Gespräch zu kommen. Denn die biblischen Überlieferungen rund um das Kreuzesgeschehen laden vorzüglich dazu ein, grundsätzliche Glaubensaussagen mit der Lebenswelt Jugendlicher in Korrelation zu bringen.

1. Theologisieren mit Jugendlichen im Bildungsraum Kirche

Die aktuell in der Religionspädagogik geführte Debatte um das „Theologisieren mit Jugendlichen" (vgl. Schlag/Schweitzer 2011) geht zumeist von einem dynamischen, gleichberechtigten Dialog zwischen biblisch-christlichen Traditionen, jugendlichen Sichtweisen und Impulsen des Leiters/der Leiterin (vgl. Dieterich 2012) aus. Im non-formellen Bildungsraum Kirche geschieht gemäß kirchlichen Grundsätzen neben der dialogischen Auseinandersetzung mit überlieferten Traditionen auch die Vermittlung von Grundsätzen christlichen Glaubens. Diese sind verbunden mit dem Kennenlernen gemeindlichen Lebens und der Erschließung eigener spiritueller Ressourcen in zeitgemäßen Ausdrucksformen.

Hier hat kirchliche Religions- und Gemeindepädagogik einen anderen Anspruch als schulischer Religionsunterricht. „Die Beschäftigung mit biblischen Überlieferungszusammenhängen, dogmatischen Argumentationen, die Behandlung theologischer Klassiker ebenso wie die Kultur prägenden Wirkungen christlichen Glaubens müssen Jugendlichen in ihrem lebensdienlichen Eigensinn und nicht nur als zu lernende Unterrichtsstoffe plausibel gemacht werden" (vgl. Schlag 2013). Die Auseinandersetzungen mit biblischen Überlieferungen im Jugendkreis, im Konfirmandenunterricht oder in der Firmungsvorbereitungsgruppe sind darum mehr als eine distanzierte Beschäftigung mit geistesgeschichtlichen Kulturgütern. Vielmehr sollen junge Menschen dort in ihrer persönlichen Glaubensbildung begleitet und unterstützt werden.

Das Material des Ökumenischen Kreuzwegs der Jugend will zu solcherart glaubensbildenden und –reflektierenden Prozessen anregen. Es hat seit jeher den Anspruch, der Zeitlosigkeit biblischer Aussagen zeitgemäße Einsichten und Draufsichten elementarisiert gegenüberzustellen und junge Menschen damit und darüber ins Gespräch zu bringen. Im Zentrum theologischer Debatten und Deutungen stehen dabei das Passionsgeschehen und die aufscheinende Hoffnung der wunderbaren Botschaft von Ostern – mit all ihren Geheimnissen, mit offenen Fragen und mit Beispielen elementarer menschlicher Verhaltensweisen.

Kreuzworträtsel *

In kreuzgefährlichem Moment
spricht der Mann vom Kreuz:
Zum Vater, zur Mutter, zum Nachbarn,
zu den Leuten, zu sich und zu uns.

In kreuzgefährlichem Moment
spricht der Mann vom Kreuz
vom Verlassen und vom Durst,
vom Vergeben und vom Paradies
und davon, dass es vollbracht sei.

Was hat er dir zu sagen?

2. Begleitungsansatz Hauptberuflicher

Religionspädagogische Basisarbeit lebt grundsätzlich von der Ermöglichung, Inszenierung, Begleitung und Moderation von Bildungsprozessen durch Theologen, (Gemeinde-) Pädagogen und engagierte, entsprechend geschulte ehrenamtlich Mitarbeitende (vgl. aej 2010). Dabei wird die Glaubensbildung junger Menschen ganz wesentlich von persönlichen Impulsen des Leiters/ der Leiterin geprägt. In der Fowlerschen Logik der Glaubensstufen (vgl. Fowler 1991) ist vor allem beim im Jugendalter festzustellenden „Synthetisch-konventionellen Glauben" der Stufe III die Bedeutung erwachsene Begleiter als „significant others" explizit begründet. Sie sind gefragt, ihre Glaubensüberzeugungen einzubringen, zur Debatte zu stellen und Orientierungsmöglichkeiten vorzustellen (vgl. Schlag/Schweitzer 2011, S.151 ff.).

Im Blick auf die geistlichen Überzeugungen scheinbar homogen denkender Gruppen ist es angezeigt, Tendenzen der Einseitigkeit entgegenzutreten und durch asymmetrische Diskussionsbeiträge die Pluralität von Deutungsmöglichkeiten zu erhalten (vgl. Büttner 2012). In spirituell stärker geprägten Gemeindejugendkreisen besteht dabei die Herausforderung, die Sehnsucht nach verbindlichem, „richtigem" Glauben wertzuschätzen und durch zielführende Impulse geistliche Fundierungen und individuelle Glaubensentwicklungen zu ermöglichen.
Dem entgegen lassen sich in Gruppen, die sich zwar unter dem Dach der Kirche/ des christlichen Jugendverbandes treffen, mit geistlichen Themen aber wenig beschäftigen, durch erwachsene Begleitungspersonen Glaubens-, Sinn- und Wertfragen zielführend einbringen. So können geistliche Begegnungen erlebt, die Möglichkeit eines (Glaubens-) Bildungsmehrwertes eröffnet und das Profil des Trägers und seiner Alleinstellungsmerkmale geschärft werden.

3. Anregungen zur inhaltlichen Beschäftigung

Wegen der besonderen existentiellen Dramatik und der vielfältigen medialen Möglichkeiten zur Thematisierung dieser Überlieferungen gegenüber Jugendlichen bieten sich die biblischen Berichte über die Verurteilung und Kreuzigung Jesu gut zur Thematisierung im gemeindlichen Bildungskontext an. Dies kann einerseits durch die Beschäftigung mit den Verhaltensweisen bestimmter Akteure erfolgen (z.B. Judas, Petrus, Thomas, Simon von Kyrene, Maria) oder durch die genaue Betrachtung menschlicher Strukturen und Systeme (z.B. gruppendynamische Prozesse im Jüngerkreis Jesu, Verhalten der Volksmasse bei Verurteilung und Folter, Aktionen und Reaktionen der Soldaten beim Kreuzigungsgeschehen).

Nachfolgend soll an drei kleinen Beispielen deutlich werden, wie aktuell menschlich und erfahrungsbezogen alte biblische Überlieferungen sein können und welche Impulse für gemeindepädagogische Handlungsfelder daraus abgeleitet werden können.

Zum Beispiel Angst:

Nicht nur nach der Kreuzigung ihres Meisters versteckten sich seine Anhänger aus Furcht (Joh 20, 19), auch vorher trieb sie die Angst um, ein ähnliches Schicksal zu erleiden. Ein gutes Beispiel dafür ist die Verleugnung durch Petrus (Mt 26, 69ff): Petrus, der eben noch mit kraftvollen Worten ewige Treue geschworen hatte (Mt 26, 35), bekräftigt im Angesicht lebensgefährlicher Bedrohung dreimal, dass er mit Jesus nichts zu tun habe. Nach allgemeinem Verständnis kräht nach einer solchen Begebenheit kein Hahn mehr nach einem solchen Mitarbeiter, doch bei Gott gelten ganz offensichtlich andere Gesetze: Mit genau diesem Petrus will Jesus sein Reich bauen. Er soll Jesu Mission auf Erden fortführen (Mt 16, 17ff).

Für das Gespräch darüber mit jungen Menschen können wichtige Impulse daraus folgen:
• Die Jünger Jesu waren zu Lebzeiten keine Heiligen, sondern Menschen mit uns sehr vertrauten Verhaltensweisen. Sie hatten Angst um Leib und Leben und gingen infolgedessen auch auf Distanz zu ihren Überzeugungen.
• Trotz allen Versagens hält Jesus an seinen Freunden fest. Diese Fehlerfreundlichkeit Jesu ist besonders für angstbesetzt Glaubende eine wunderbare Botschaft: Jesus setzt den Mensch Petrus als engsten Mitarbeiter ein, keinen Unfehlbaren. Er tut dies trotz dessen Unzulänglichkeiten.

Nachfolge *

Ich passe gut in die Riege
deiner Nachfolger und Verfolger:
Du weißt, auch ich wäre gerne der Größte.
Ich schicke weg, wer mir nicht passt.
Ich verrate und verleugne,
ich lüge, zweifle und verzweifle
und wenn's drauf ankommt,
bin ich weg.

Und doch, Jesus,
will ich dir folgen.
Deine Fußstapfen sind zu groß,
als dass ich hineintreten
und Schritt halten könnte.
Sie sind so groß,
damit ich die Richtung
nicht aus den Augen verliere.

Zum Beispiel Zweifel:

Thomas (vgl. Joh 20, 24ff), einer von Jesu engsten Freunden, kann nicht glauben, dass Jesus tatsächlich auferstanden ist. Er zweifelt die Berichte der anderen an und sagt das laut. Schließlich hat er tatsächlich die Möglichkeit, seine Finger in die Wunde und seine Zweifel abzulegen. „Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!" (Joh 20, 29)
Daraus lassen sich für junge Menschen mehrere relevante Botschaften ableiten:
• Auch seine engsten Mitstreiter konnten die Auferstehung des gekreuzigten und gestorbenen Jesus nicht glauben. Zweifeln ist also nicht allein heutigen Generationen vorbehalten.
• Jesus reagiert auf diese Zweifel mit Verständnis.
• Nicht das Gesehene und real Gefühlte macht einen Glaubenden aus, sondern Vertrauen. Jesus wendet sich gegen einen Glauben, der sich aus Beweisen speist. Glauben bleibt Glauben, mit all seinen Geheimnissen.

Die Frage des Zweifelns lässt sich mit jungen Menschen gut thematisieren. Möglich ist zum Beispiel das Angebot eines Jugendgottesdienstes in Form einer „Thomasmesse" (vgl. www.thomasmesse.org) . Neben intensiver inhaltlicher Auseinandersetzung ist hier ein hoher Partizipationsgrad der Gemeinde am Gottesdienstgeschehen durch Nutzung verschiedenster Medien und Methoden möglich.

Sieh' an, der Auferstandene! *

Sieh' mich an.
Sieh' an die Hände,
an ihnen klebt Blut.
Sieh' an die Wunden,
offen und unverheilt.
Sieh' an, was geschah,
es lässt sich nicht löschen
aus Herz und Haut.
Sieh' an, mich.
Ich bin's.

Zum Beispiel Schwarmintelligenz - Mitlaufen in der Masse?

Junge Menschen sind in ihrer Meinungsbildung beeinflussbar. Damit stehen sie nicht allein. In der Überlieferung von Jesu Verurteilung wird über die Manipulierbarkeit der Masse im Rahmen einer „Volksabstimmung" über die Freigabe eines Gefangenen berichtet (Mt 27, 20). Das Ergebnis: „Da schrien sie alle miteinander: Hinweg mit diesem, gib uns Barabbas los!" (Lk 23,18)

Als Übertragung dieser Geschichte in zeitgemäße Lebenswirklichkeiten lässt sich kritisch hinterfragen, wie sich in unserer Zeit Meinungen und Mehrheiten bilden und wie signifikant Medien, Mainstream und Menschenmassen dafür sind. Erwachsene Begleiter können hier implizit Themen wie Manipulierbarkeit und Gruppendynamik einstreuen und folgende Fragen ins Gespräch bringen:
• Wie gehe ich mit Gerüchten um?
• Wie kritisch bewerte ich Botschaften in sozialen Netzwerken und wie reagiere ich darauf?
• Wie verhalte ich mich, wenn sich eine Massenmeinung mit klaren Feindbildern aufschaukelt, z.B. im Fußballstadion oder bei Demonstrationen?
• Wie kann es gelingen, sich – zum Beispiel aus Glaubensgründen – auch im Gegensatz zur Meinung anderer mutig Gehör zu verschaffen und sich argumentativ für Minderheiten einzusetzen?

Ich bin das Volk *

Da schrien sie alle miteinander: Hinweg mit diesem,
gib uns Barabbas los! Lukas 23, 18

Ich bin dabei.
Ich bin ein Teil.
Ich bin wie alle.
Ich schreie mit, weil alle schreien.
Ich bin laut, weil alle laut sind.
Ich bin dafür, ich bin dagegen,
ich bin wie alle:
Gebt uns den Barabbas frei.

Alle Gewalt geht vom Volke aus.

4. Schluss

Biblische Überlieferungen aus dem Passionsgeschehen lassen sich in vielfältiger Weise mit elementaren menschlichen Grunderfahrungen in Beziehung setzen. Religionspädagogische Begleiterinnen und Begleiter haben dabei die Aufgabe, die Gruppe und ihre Teilnehmenden sensibel wahrzunehmen und Impulse zur Glaubensbildung und –vergewisserung fokussiert einzubringen.

Dazu finden sich im Materialpool des Ökumenischen Kreuzweges der Jugend spezifisch aufbereitete Medien. Durch Text und Ton, Bild und Bibel, Impulse und Ideen für Aktionen sollen Jugend gemäße Inspirationen für das Ins-Gespräch-bringen existentieller geistlicher und menschlicher Grundfragen gegeben werden. Die Anregungen sind so konzipiert, dass die Materialien als „Steinbruch" nutzbar sind und auf die spezifischen Situationen der Gruppen und Kreise vor Ort angepasst werden können. Jungen Menschen soll dabei deutlich werden: Die alten Geschichten haben auch etwas mit uns zu tun.

Passion 2.0 *

Da liegen wir nun
warm und trocken,
satt und in Frieden.
Der Fernseher ist das Fenster nach draußen,
Freunde treffen wir virtuell und sonst
lassen wir nichts und niemanden an uns heran.

Wer rollt uns den Stein vom Grab?

Tobias Petzoldt
Dozent für Bildungsarbeit mit Jugendlichen
Evangelische Hochschule Moritzburg
www.eh-moritzburg.de

*Die Meditationstexte sind entnommen aus:
Tobias Petzoldt, Ein für alle Mal. Heiter bis kritisch durch das Kirchenjahr. Düsseldorf: tvd, 2012

Literatur:

  • Thomas Schlag/Friedrich Schweitzer, Brauchen Jugendliche Theologie? Neukirchen-Vluyn, 2011
  • Veit-Jakobus Dieterich (Hg.), Theologisieren mit Jugendlichen, Stuttgart, 2012
  • Thomas Schlag, Von welcher Theologie sprechen wir eigentlich, wenn wir von Jugendtheologie reden? In: „Wenn man daran noch so glauben kann, ist das gut“, Jahrbuch für Jugendtheologie, Band 1, Stuttgart, 2013
  • „Kompetenzprofil für zukünftiges professionelles Handeln von Fachkräften in der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit und zukünftige Anforderungen an die Aus- und Fortbildung“, beschlossen vom Vorstand der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V. (aej), 2010
  • James W. Fowler, Stufen des Glaubens. Die Psychologie der menschlichen Entwicklung und die Suche nach Sinn, Gütersloh, 1991
  • Thomas Schlag/Friedrich Schweitzer, Brauchen Jugendliche Theologie? Neukirchen-Vluyn, 2011, S. 151 ff.
  • Gerhard Büttner, Theologisieren als Grundfigur der Praktischen Theologie – Grundüberlegungen für das Theologisieren mit Jugendlichen, in: Veit-Jakobus Dieterich (Hg.), Theologisieren mit Jugendlichen, Stuttgart, 2012, S. 64
  • www.thomasmesse.org