Lesestoff zum Kreuzweg

Lesestoff zum Kreuzweg

zu jeder der Stationen bieten wir Anregungen aus der (nichtreligiösen - sonst wäre es zu einfach) Literatur, die die Thematik der Stationen vertiefen, aus anderer Sicht beleuchten, auf den Punkt bringen.

Gute Anregungen und viel Freude beim Schmökern.

Unser Bücherwurm ist:

Barbara Honold - Lektorat, Print und Webdesign

http://www.vom-lektorat-zum-buch.de

1 – Ölberg

Eric-Emmanuel Schmitt, Oskar und die Dame in Rosa, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 82010, 64 ff.

Oskar ist zehn Jahre alt und liegt im Krankenhaus, weil er an Leukämie erkrankt ist. Chemotherapie und Knochenmarktransplantation schlugen fehl. Auf Anraten einer älteren Schwester, die er „Oma Rosa“ nennt, schreibt er Briefe an den lieben Gott, an den er bis dahin nach dem Beispiel seiner Eltern nicht geglaubt hat. Eines Tages schlägt Oma Rosa vor:

„Wollen wir nicht den lieben Gott besuchen?“

„Ach, haben Sie seine Adresse rausgekriegt?“

„Ich glaube, er ist in der Kapelle.“

Oma Rosa zog mich an, als würden wir zum Nordpol aufbrechen, sie nahm mich in die Arme und führte mich zu der Kapelle, die sich im Krankenhausgarten befindet, noch hinter den vereisten Grünflächen, na ja. Dir brauche ich ja nicht zu erklären, wo Dein Zuhause ist.

Ich habe natürlich einen Riesenschreck bekommen, als ich Dich dort hängen sah, als ich Dich in diesem Zustand gesehen habe, fast nackt, ganz mager an Deinem Kreuz, überall Wunden, die Stirn voller Blut durch die Dornen, und der Kopf, der Dir nicht mal mehr gerade auf den Schultern saß. Das hat mich an mich selbst erinnert. Ich war empört. Wär ich der liebe Gott, wie Du, ich hätte mir das nicht gefallen lassen.

„Oma Rosa, im Ernst: Sie als Catcherin, Sie als ehemaliger Superchamp, Sie werden doch so einem nicht vertrauen!“

„Warum nicht, Oskar? Würdest du dich eher einem Gott anvertrauen, wenn du einen Bodybuilder vor dir hättest, mit wohlgeformten Fleischpaketen, prallen Muskeln, eingeölter Haut, kahlgeschoren und im vorteilhaften Tanga?“

„Ähm...“

„Denk nach, Oskar. Wem fühlst du dich näher? Einem Gott, der nichts fühlt, oder einem Gott, der Schmerzen hat?“

„Einem, der Schmerzen hat, natürlich. Aber wenn ich er wäre, wenn ich der liebe Gott wäre, wenn ich so wie er alle Möglichkeiten hätte, würde ich mich um die Schmerzen drücken.“

„Niemand kann sich um Schmerzen drücken. Weder Gott noch du. Weder deine Eltern noch ich.“

„Gut, einverstanden. Aber wozu gibt es überhaupt Schmerzen?“

„Jetzt kommen wir der Sache näher. Es gibt Schmerzen und Schmerzen. Schau dir mal sein Gesicht an. Schau mal ganz genau hin. Sieht er aus, als ob er Schmerzen hätte?“

„Nee. Komisch. Er sieht nicht so aus, als ob ihm etwas weh täte.“

„Eben. Siehst du, Oskar, man muss zwischen zwei Arten von Schmerz unterscheiden, dem körperlichen und dem seelischen Schmerz. Den körperlichen Schmerz hat man zu ertragen. Den seelischen Schmerz hat man sich selbst ausgewählt.“

„Versteh ich nicht.“

„Wenn man dir Nägel in die Hände haut oder in die Füße, dann kannst du nicht verhindern, dass dir das weh tut. Das musst du aushalten. Dagegen muss dir der Gedanke zu sterben nicht weh tun. Du weißt ja nicht, was das bedeutet. Also hängt es ganz allein von dir ab.“

„Kennen Sie Leute, die sich bei dem Gedanken an den Tod freuen?“

„O ja, solche kenne ich. Meine Mutter zum Beispiel. Auf ihrem Sterbebett hat sie ganz neugierig gelächelt, sie war voller Ungeduld, sie hatte es eilig herauszufinden, was passieren würde. … Den meisten Menschen fehlt allerdings diese Neugier. Sie klammern sich an das, was sie haben.“

2 – Pilatus

Andrej Longo, Zehn. Erzählungen, Frankfurt/Main: Eichborn, 2010, 146 ff.

Panzarotto, Rolex und Reiban, drei junge Männer in Neapel. Cool sein ist alles. Mitgefühl gibt es nicht, der Stärkere gewinnt. Wie schön, wenn man zu den Stärkeren gehört. Und wie dumm, wenn man an die Falschen gerät und plötzlich bei den Schwachen ist. Mit seiner Warnung „Jungs, ihr macht einen Fehler“ hatte der Typ, den sie aus dem Ferrari geschmissen haben, definitiv Recht. Die Fahrt mit dem gestohlenen Ferrari geht schief:

„Fahr langsa­mer!“

„Wie, langsamer, gleich hebt er ab“, schreit Rolex. Ich überhole drei Autos und gebe noch mehr Gas. ...

Der Wagen dreht sich einmal um sich selbst, rast in ein parkendes Auto und überschlägt sich zweimal. Dann fühle ich nichts mehr.

Ich fahre mir mit der Zunge über die Lippen und schmecke den süßen Geschmack von Blut. Mein lin­ker Arm wiegt Tonnen und lässt sich nicht bewegen. Der rechte Arm ist okay. Meine Beine kann ich auch bewegen. Der Kopf tut weh, aber nicht schlimm.Ich schlage die Augen auf. …

Auf einmal höre ich eine Stimme: „Der da wacht auch auf.“ Ich kneife die Augen zusammen und zwinge mich hinzuschauen. Ich bin in einem großen Raum, der wie ein Keller aussieht. Fünf, sechs Meter vor mir sitzt einer in einem Sessel. Ein zweiter Sessel ist leer. Vier Typen mit schwarzen Jacken, rasierten Schädeln und verschränk­ten Armen stehen rum. …

Ich sehe Rolex auf einem Stuhl sitzen. Ein Bein steht komisch ab, der Knochen kommt unter der Jeans vor. Der Kopf ist nach hinten gefallen, als ob er schläft oder tot ist. Auf der anderen Seite sitzt Panzarotto. Seine Stirn ist blutverschmiert, aber es sieht nicht schlimm aus. …

„Ich hab dir doch gesagt, du machst einen Fehler“, höre ich eine Stimme hinter mir.

Die Stimme kenne ich. Vielleicht ist es besser, den Mund zu halten. Der von hinten geht um meinen Stuhl rum und baut sich vor mir auf. Seine Nase ist geschwollen und sein Arm verbunden. …

„Tut mir leid.“ …

„Weißt du, wer das ist?“, fragt er und zeigt auf den mit dem Ferrari.

Ich schüttle den Kopf.

„Und weißt du, wer ich bin?“

Da erst sehe ich die Narbe, die ihm quer übers Ge­sicht läuft. Und kapiere, dass wir geliefert sind.

„Wer ist das denn?“, will Panzarotto wissen.

„Schnauze, Panzarotto, es ist besser, wenn du die Schnauze hältst.“

„Brav, du bist ein aufgeweckter Junge“, sagt der mit der Narbe.

„Ich wusste nicht, dass das euer Wagen ist“, sage ich.

Der mit der Narbe nickt, dann fragt er: „Und wie lösen wir jetzt das Problem?“

„Wie ihr es für richtig haltet“, antworte ich. „Wir befolgen eure Befehle.“ Der mit der Narbe denkt eine Weile nach. Dann kommt er näher, zündet sich eine Zigarette an und bläst mir den Rauch ins Gesicht.

„Ich hätte da eine Idee“, sagt er.

„Was ihr wollt.“ …

„Da ist einer, der das Maul zu weit aufgerissen hat, dem müsste mal einer die Ehre erweisen.“

„Gut.“

„Schaffst du das?“, fragt er.

„Kein Problem.“

„Sehr gut.“

Als er mit zwei Fingern ein Zeichen gibt, kommt einer von den Schwarzjacken zu ihm. Der Typ mit der Narbe hält die Hand auf, und der andere gibt ihm eine Pistole.

„Aber erst mal musst du mir zeigen, was du draufhast“, sagt er.

„Was soll ich machen?“

Er legt mir die Pistole in die Hand, wirft die Kippe auf die Erde und tritt sie mit dem Stiefel aus.

„Den da erschießen“, sagt er.

Und zeigt auf Panzarotto.

„Was?“

„Du sollst ihn erschießen. Dann kannst du nach Hause.“ Ich fühle mich wie nach einem Stromschlag. Der Kopf fällt mir wie von selber nach hinten, erst der Kopf und dann die Schultern. Es schüttelt mich.

„Und wenn ich das nicht mache?“

„Dann erschieß ich dich, und der da geht nach Hause“, sagt er. …

Ich kann keinen klaren Gedanken fassen.

„Und?“, sagt er. „Was hast du vor?“

Ich versuche, die Pistole zu umklammern, aber meine Hand ist wie gelähmt, es klappt nicht. Als ich aufstehen will, gehorchen mir meine Beine nicht. Ich probiere es zwei-, dreimal und komme schließlich doch hoch. Panzarotto stößt Klagelaute aus wie ein Käuzchen. Er versucht, was zu sagen, schafft es aber nicht. Ab und zu kaut er auf der Blechmarke, schüttelt den Kopf und heult auf.

Ich nehme die Pistole fest in die Hand. Sie ist tonnenschwer. Ich schaue den mit der Narbe an, der mich mit den Händen in der Tasche anstarrt und sich nicht rührt. Ich drehe mich wieder zu Pan­zarotto um und versuche, ihm nicht ins Gesicht zu sehen.

„Reiban“, jammert er, „Reiban, was hast du vor?“ Der Schweiß läuft mir die Stirn runter. Mein Herz schlägt wie ein Presslufthammer. Ich schnappe nach Luft. Mir kommt es so vor, als brauchte ich Stunden für jeden Schritt. Alles um mich dreht sich. Ich höre Panzarottos Stimme, er sagt immer wieder: „Reiban ... Reiban...“ Nur das. „Reiban ... Reiban...“

Ich schaue ihn einen Moment lang an.

Er fängt an zu weinen und bepisst sich. Das schaffe ich nicht, denke ich, dazu habe ich nicht den Mut. Und fange auch an zu weinen.

Aber er oder ich, es gibt keine andere Lösung.

Während ich ihn anschaue, ist es, als würde er lang­sam zum Tier, zu einem von diesen Hunden mit offe­nen Gedärmen, die sich nicht entschließen können zu sterben. Das Mitleid ist weg, ich ekle mich sogar ein bisschen vor ihm. Mein Herz schlägt wieder langsa­mer, mein Atem geht regelmäßig. Ich hebe die Pistole.

„Reiban...“

„Jetzt ist es aus, Panzaro“, sage ich. „Jetzt ist alles aus.“

3 – Simon

Patricia Grossmann, Wunschtochter, Berlin: Krug und Schadenberg 2001, 44-46. 65f.

Meg, die nie ein Kind wollte und die über ihre Kundinnen, die ihre getöpferten Fruchtbarkeitsgöttinnen erwerben, leise spottet, arbeitet seit sieben Jahren ehrenamtlich bei der Aidshilfe. Hier lernt sie Kimble und ihren sterbenden Vater Barry kennen. Als er ins Krankenhaus muss, nimmt Meg Kimble zu sich, da sie es nicht übers Herz bringt, sie dem Jugendamt und damit einem Heim zu übergeben. Kimble wächst ihr sofort ans Herz und weckt ungeahnte Muttergefühle, von denen die Mittdreißigerin gar nicht wusste, daß sie in ihr stecken. Auch nach Barrys Tod nimmt sie Kimble zu sich. Mit Kimble verändern sich eine ganze Reihe von Dingen in Megs Leben. Sie hat weniger Zeit für sich selbst, muss auf das eine oder andere verzichten, wird zunehmend erwachsener.

„Das ist Kimble, von der ich vorhin erzählt habe.“

„Ja, natürlich. … Also, was willst du tun?“ …

„Ich weiß nicht, was ich tun werde. Deswegen bin ich ja hier.“

Libby beugte sich vor, ihre Lederpumps glänzten im Mittagslicht. „Du weißt, ich persönlich versuche, derart einschneidende Momente im Leben zu vermeiden – Momente, in denen eine Entscheidung getroffen werden muss, die Konsequenzen hat. Aber du kannst dich nicht der Tatsache entziehen, dass du vor einer äußerst wichtigen Entscheidung stehst. Und du bist bereit, sie zu treffen, denn an der bisherigen Entwicklung der Umstände bist du ja nicht ganz unbeteiligt.“ …

„Ich bin nicht so sicher. Ich glaube, ich habe wie immer versucht, bestimmten Gegebenheiten auszuweichen. Es ist nicht meine Schuld, dass die Großmutter verschwunden und sonst niemand da ist.“

„Da ist jemand anders. Es gibt immer jemand anderen.“

„Ach, jetzt komm, Libby. Wie könnte ich sie einer Agentur überlassen? Ich kann mir natürlich ein Bein ausreißen, um sie wenigstens bei einer der besseren Agenturen unterzubringen, Leake und Watts vielleicht, aber da gibt es Wartelisten. Und wie viele Veränderungen kann sie verkraften? Für kleine Kinder haben zu viele Veränderungen einfach Folgen.“ …

„Ich glaube, du wirst diesem kleinen Mädchen das Leben retten. Ich weiß, dass du den Mut dazu hast.“

Meg schwieg. Sie holte tief und mühsam Luft. …

„Was tue ich, wenn ich mal allein sein will? Wann kann ich je wieder joggen? Was ist, wenn ich die Milch für den nächsten Morgen vergessen habe und es ist Mitternacht und draußen friert's?“

„In dir liegen ungeahnte Reserven für Problemlösungen verbor- gen“, erwiderte Libby.

„Ja, klar.“ …

Manchmal aber hätte Meg die Kleine … am liebsten fortgezaubert. Wie der Hexenmeister von den Jolly Players wollte sie ihren Zauberstab schwenken und Kimble verschwinden lassen. Sie konnte keine Fragen über Zeit beantworten („Wann?“). Sie konnte keine Fragen über Geld beantworten („Kann ich das und das haben?“). Sie wollte nichts als den Luxus, in Ruhe nachzudenken und zu planen. Diese Unablässigkeit würde sie zugrunde richten, würde sie dazu bringen zu sagen: Nein, ich kann das nicht. Praktisch von einer Sekunde zur nächsten, fast unmerklich, war aus ihr, einer völlig unabhängigen Frau, ein leeres Gefäß geworden, eine ihrer eigenen unfertigen, unverzierten Keramiken, die nur dazu da war, die Bedürfnisse eines Kindes zu befriedigen, nach Lust und Laune von einem Kind gefüllt und geleert zu werden, von einem Kind, dessen Langzeitgedächtnis noch nicht genügend entwickelt war, um sich die Tatsache vom Tod seines eigenen Vaters zu merken. Sofort stiegen Mitleid und Beklommenheit in Meg auf. Es wäre nur fair, dass Kinder und Erwachsene einen Kompromiss aushandelten, so dass jeder von ihnen abwechselnd einen gewissen Raum einnahm. Aber das ging nicht - die Tyrannei von Kindern bestand darin, dass sie einfach und kategorisch da waren.

4 – Kreuzigung

Herta Müller, Der König verneigt sich und tötet, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2009.

Herta Müller wuchs in Rumänien unter der Diktatur Ceauşescus auf. Hier erfuhr sie Sprache als Instrument der Unterdrückung, aber auch als Möglichkeit des Widerstands und der Selbstbehauptung gegenüber der totalitären Macht. In der Diktatur werde der Unterschied zwischen Reden und Schweigen zur Sache von “Verfolgung, Widerstand, Verrat“.

Wie viel sollte ich reden, wenn ich der Freundin, die mich nach den Einzelheiten der Verhöre fragt, alles sagen will. Alles sagen heißt: alles, was mit Worten zu sagen ist. …

Dem Reden hat das Schweigen die Waage gehalten. Wo das Schweigen von der Freundin falsch verstanden worden wäre, musste ich reden, wo das Reden mich in die Nähe der Irren gestellt hätte, musste ich schweigen. Ich wollte nicht unheimlich oder lächerlich werden für sie. Wir waren sehr eng befreundet, wir sahen uns täglich. Aber wir blieben sehr unterschiedlich, dies machte die Freundschaft so eng. Wir brauchten jede von der anderen, was wir selber nicht hatten. Es war eine Nähe, über die nicht gesprochen werden musste. Meine Orientierungsnadel war ihr nicht vertraut, das Verwegene an den Pflanzen war ihr nie begegnet. Sie war ein Stadt­kind. Da wo meine Sinne strauchelten, sah ich die ihren gleiten, wo ich zauderte, ging sie los – darum mochte ich sie. …

Sie grübel­te nie über Wörter. Statt dessen liebte sie Kleider und Schmuck, verachtete das Regime als Bankrotterklärung jeder Sinnlichkeit. Und dieses Regime griff nicht nach ihr. Sie hatte Schweißtechnologie studiert, ihr Fach galt als aufbauend und staatsloyal, und was ich tat, als destruktiv. Sie sprach kein Wort Deutsch und wusste nicht, was ich schreibe. Vielleicht hielt das Regime unsere Freundschaft aus diesem Grund für eine unpolitische Frauensache. Aber sie war hochgradig politisch durch ihr unberechenbares Naturell, sie lehnte Unterwürfigkeit aus körperlichem Ekel ab und war moralisch konsequenter als manch andere mit politischen Theorien und subversivem Gerede.

Ich war auf diese Freundin angewiesen, wo bei mir Scherben lagen, setzte sie mir das Intakte entgegen. Intaktes im Ver­halten, aber ihr Körper war damals schon, ohne dass sie oder ich es wussten, vom Tod angefressen, sie hatte Krebs und erfuhr es erst, als es zu spät war. Drei Jahre hatte sie noch zu leben, und ich wanderte aus.

Und sie kam zu Be­such und zeigte mir die Narbe der rechten amputierten Brust und gestand, dass sie vom Geheimdienst geschickt worden ist – mich im Auftrag besucht. Sie musste mir mit­teilen, dass ich auf der Todesliste stehe, dass man mich aus dem Weg räumen wird, wenn ich im Westen weiter so verächtlich von Ceauşescu spreche.

Sie hatte mich bereits verraten, als sie ankam in Berlin, und während sie ihren Verrat gestand, behauptet, sie könne nie etwas tun, was mir schadet. Und ich habe sie nach zwei Tagen zum Kof­ferpacken aufgefordert und zum Bahnhof gebracht. Und ich verweigerte an diesem Bahnsteig das Taschentuch zum Abschiedwinken, das Taschentuch zum Weinen. Das Taschentuch zum Knoten machen, damit ich nichts vergesse, brauchte ich nicht – der Knoten war ja im Hals.

Zwei Jahre nach dieser vorzeitigen Abreise ist sie an Krebs gestorben. Jemanden lieben und verlassen müssen, weil sie ohne zu begreifen, was sie tut, die Gefühle, die sie für mich hatte, dem Geheimdienst zur Verfügung stellte, gegen mein Leben. Sie hatte dem König, der sich vor ihr verneigte und mich töten wollte, unsere Freundschaft ge­liehen und glaubte, sie von mir wieder zurückzukriegen, so wie es seinerzeit war, als ich ihr vertraute. Um mich be­trügen zu können, musste sie sich belügen, das ging Hand in Hand, eins ins andere. Der Verlust dieser Freundschaft ist bis heute eine Schneise in meinem Leben.

5 – Beute

Andrej Longo, Zehn. Erzählungen, Frankfurt/Main: Eichborn, 93-105, 2010, 30 ff.

Bis letzte Woche dachte ich, alles easy, alles kein Problem. … Mit sechzehn hatte ich mir schon einen Namen gemacht im Viertel, Molletta, weil ich schnell mit dem Messer dabei war, …

Mir waren alle scheißegal. Wie wenn du mit dem Messer in der Tasche die Straße langgehst. Zugeknallt mit Koks und Aceton. Du gehst durch den Verkehr, denkst über deine Angelegenheiten nach und wie du Dampf ablassen kannst. Du kommst an die Ampel, und wenn es rot wird und du stehenbleibst, starrst du den neben dir an. Das, was du in dem Moment willst, das Einzige, was du mehr als alles andere willst, ist, dass er den Blick senkt.

Dann endlich fühlst du dich gut. Spürst die Genugtuung in dir aufsteigen.

Eine halbe Stunde lang hast du Ruhe, bist zufrieden. Dann geht’s wieder los. Du wartest auf die nächste Ampel. Und jedes Mal, wenn sie deinem Blick nicht standhalten, wirst du dreister. Jedes Mal, wenn sie den Blick senken, fühlst du dich stärker. …

Ich weiß nicht mal, wie er heißt. … Einmal im Monat ging er auf die Post. Dort bekam er seine Rente und ging wieder nach Hause. Immer am zehnten. Wenn der zehnte ein Samstag, Sonntag oder ein Feiertag war, ging er am Tag danach hin. Kein Problem, kinderleicht, dachte ich. War doch nur ein alter Sack, was sollte da schon passieren.

Ich schaute mir seinen Weg genau an, um herauszufinden, wann der richtige Moment, wo der richtige Ort war. Der Alte kam um Punkt elf aus der Post. Wie immer. Mit dem Hund an der Leine und dem Umschlag mit dem Geld in der Jacketttasche. …

Ich wartete, bis er m die Gasse bog. Bis er an den Mülltonnen vorbei und unter der Brücke war, da war es dunkel, und es kam nie einer vorbei. Er hat mich nicht gehört, glaube ich. In einer Sekunde war ich bei ihm und zog nicht mal das Messer, sagte nur:

„Her mit dem Geld.“ Nur das: „Her mit dem Geld.“

Mit Schwierigkeiten rechnete ich überhaupt nicht. Nicht bei so einem Alten.

Er schaute mich einen Augenblick an. Dann ging er langsam, ohne jede Eile weiter. Er beachtete mich gar nicht. Auch der Hund nicht. Nichts. Als ob ich nicht da wäre. Ich dachte, vielleicht ist er taub oder hat den Verstand verloren. Drei Schritte, und ich stand vor ihm, zog das Messer und sagte noch mal:

„Her mit dem Geld.“ Wütend schaute ich ihm in die Augen. Und erwartete, dass er den Blick senkt. Dass er anfängt zu schreien … Der Hund fing an zu bellen.

„Ruhig, Frick“, sagte er. Er zog an der Leine, und der Hund hörte auf.

„Schneller, nun mach schon.“ Er rührte sich nicht und lächelte, als ob er mich verarschen wollte.

„Was willst du denn mit meinem Geld?“ Ich wurde nervös und schaute mich um, ob jemand kam. Aber da waren nur er und ich. Und der Hund.

„Was denn, bist du lebensmüde?“

Der Alte schob mich sanft zur Seite und ging weiter. Wie man Fliegendreck wegwischt oder einen Schlapphut hochschiebt, der die Sicht versperrt. Ich spürte mein Herz vor Wut klopfen und meine Hand mit dem Messer zittern. Sie zitterte, und ich bekam sie nicht unter Kontrolle.

Also setzte ich ihm nach und stieß ihm das Messer von hinten in die Seite. … Schnell streckte ich die Hand nach seiner Jackentasche aus und zog den Umschlag raus. … Ich wich einen Schritt zurück, stopfte mir den Umschlag mit dem Geld in die Unterhose und ging weg. …

Ich ging nicht sofort nach Hause. Dort würden mich die Bullen sofort finden, dachte ich, und wie dämlich es war, dass ich ihn nicht kaltgemacht hatte. Wenn ich ihn umgebracht hätte, könnte er nicht singen, aber so würden sie mich bestimmt kriegen. …

Ich kaufte Sekt und Süßkram, rief Pinuccio und Tonino an, und gemeinsam ließen wir die Sau raus …

Als ich um Mitternacht nach Hause kam, rechnete ich damit, dass die Bullen schon auf mich warteten oder mich suchten. Aber da war keiner. …

Der Alte lag im Krankenhaus im Koma. Das sagten sie am nächsten Morgen im Fernsehen auf Tele- stella. … Wenn der Alte starb, war ich das Problem los. Aber es war nicht sicher, es bestand auch die Möglichkeit, dass er überlebte.

Am nächsten Morgen ging ich in die Karmeliterkirche. Dort hat meine Mutter immer gebetet, als Papa krank war. … Ich zündete eine Kerze an und legte zehn Euro in den Opferstock. Dann schaute ich mich um, ob jemand da war, den ich kannte, kniete mich hin, schaute in Richtung Madonna mit Kind und sagte:

„Lass ihn sterben, bitte. Der ist alt, hat sein Leben hinter sich, es ist besser für alle, wenn er stirbt.“

Das schien mir zu wenig. Ich dachte nach, was ich noch sagen könnte.

„Wenn du ihn sterben lässt, gebe ich dir die ganze Rente von dem Alten. Und alles von nächster Woche, wenn ich Schmiere stehe, ich leg dir alles in den Opferstock. Das sind fast tausendfünfhundert Euro. Lass ihn sterben.“ Ich bekreuzigte mich und ging …

Zu dem Zeitpunkt, als der Alte im Koma lag, hatte ich noch nichts kapiert. … Irgendwas war anders als vorher. Das spürte ich im Bauch. Ich dachte, der Grund dafür wäre, dass der Alte aus dem Koma aufwachen und meinen Namen nennen könnte. Und dann würden sie mich einbuchten. Dass meine Nervosität daher käme. Von dieser Warterei, die mir keine Ruhe ließ.

Drei Wochen später frühstückte ich gerade in der Küche … Da sah ich draußen auf der Straße den Alten. Mit dem Hund an der Leine. … Ich dachte, wenn der Alte wieder gesund ist, wissen die Bullen inzwischen, dass ich es war. Aber wenn die Bescheid wussten, wieso kamen sie mich nicht holen? Vielleicht konnte der Alte sich an nichts mehr erinnern, nachdem er aus dem Koma aufgewacht war? Das war möglich. Oder vielleicht hatte er Schiss, meinen Namen zu nennen? Auch möglich. Aber ich hatte keine Lust abzuwarten, was passierte. Ich musste es wissen, musste rausfinden, was los war.

Ich … ging runter … Ich sah, wie der Alte mit seinem Kuchen in der Papiertüte aus der Bar kam. Er lief langsam auf mich zu. Bemerkte mich nicht, bis er zwei oder drei Meter vor mir stand. Der Hund fing sofort an zu bellen. Da erst hob der Alte den Kopf und sah mich …

„Ruhig, Frick“, sagte der Alte …

Als er mich anschaute, wusste ich, dass er sich an mich erinnerte. Ich rechnete damit, dass er Angst bekam oder wütend wurde. Aber er war weder wütend, noch hatte er Angst. So einen Blick habe ich noch nie gesehen. Nicht an den Ampeln, in den Diskotheken, nicht bei den Typen, für die ich Wache stehe, nirgendwo habe ich den gesehen.

Ich zwang mich, seinem Blick standzuhalten, aber es fiel mir schwer, ich wollte die Augen senken. Nicht aus Angst, das nicht. Keine Ahnung, warum.

„Brauchst du noch mehr Geld?“, fragte der Alte.

Er sagte es leise, gar nicht drohend. Ich schüttelte den Kopf. Dann hielt ich es nicht länger aus und rannte weg.

Ich weiß nicht, mit wem ich darüber reden soll. Keine Ahnung, wie ich so eine Geschichte erzählen, wo ich anfangen soll. Ich weiß gar nichts mehr.

Vorher dachte ich, alles easy, alles kein Problem. Ich dachte, dass es zwei Arten von Menschen gibt, die, die den Blick senken, und die, die ihn nicht senken. Die Idioten, also die meisten, und die Starken, die die Welt unter sich aufteilen, weil sie vor nichts Angst haben.

Aber jetzt ist es anders.

Und ich weiß nicht, was ich tun soll. Was das alles bedeutet.

6 – Finsternis

Eric-Emmanuel Schmitt, Das Kind von Noah, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2007, 89ff.

Das Kind von Noah ist ein kleiner jüdischer Junge namens Joseph Bernstein. Er ist sieben Jahre alt und muss sich 1942 im besetzten Belgien vor den Nazis verstecken. Hier überlebt er mit gefälschten Papieren in der „Gelben Villa“ von Pater Bims. Seine Eltern sind ohne ihn geflohen und niemand weiß, ob Joseph sie je wiedersehen wird.

Eines Nachmittags, als bei einem Fußballspiel schickte der Pater die Sportbegeisterten umgehend unter die Dusche … Wir waren an die zwanzig, schrien und planschten vergnügt unter den erfrischenden Wasserstrahlen, als plötzlich ein deutscher Offizier im Umkleideraum stand.

Wir erstarrten, verstummten, und Pater Bims wurde weißer als die Kacheln. Stille, nur das Wasser plätscherte weiter fröhlich auf uns nieder, als sei nichts geschehen. Der Offizier musterte uns. ...

Der Offizier hatte gesehen, wer wir waren. Eine rasche Augenbewegung zeigte, dass er nachdachte. Pater Bims trat einen Schritt vor und fragte mit dünner Stimme: „Sie suchen?“

Der Offizier erläuterte ihm die Lage. Seit dem Morgen verfolgte sein Trupp einen Widerstandskämpfer, der auf der Flucht über die Parkmauer geklettert war, vielleicht hatte sich der Mann ja im Internat versteckt.

„Wie Sie sehen, ist die flüchtige Person nicht hier“, sagte Pater Bims.

„Ja, das sehe ich in der Tat“, entgegnete der Offizier bedächtig.

Wieder trat Stille ein, Angst lag in der Luft, Gefahr. Ich begriff, dass meine Existenz an einem seidenen Faden hing. Ein paar Minuten noch, und sie würden uns hinausführen, in Reih und Glied, nackt, gedemütigt, uns auf einen Lastwagen verfrachten und ich weiß nicht wohin bringen.

Draußen hallten Schritte wider. Stiefelschritte. Eisen, die auf das Pflaster schlugen. Kehlige Laute.

Der Offizier in der graugrünen Uniform eilte zur Tür und öffnete sie einen Spaltbreit.

„Hier ist er nicht. Sucht weiter. Schnell!“

Und schon ging die Tür wieder zu, und der Trupp entfernte sich.

Der Offizier sah Pater Bims an, dessen Lippen zitterten. Einige fingen an zu weinen. Mir schlugen die Zähne aufeinander.

Ich dachte, gleich zieht er seinen Revolver aus dem Gürtel. Aber es war die Brieftasche.

„Hier, nehmen Sie“, sagte der Offizier zu Pater Bims und hielt ihm einen Schein hin, „kaufen Sie Bonbons für die Kinder.“

Da Pater Bims, der wie versteinert dastand, nicht reagierte, stopfte ihm der Offizier den Fünf-Francs-Schein in die Hand, grinste uns zwinkernd zu, knallte die Absätze zusammen und verschwand.

Wie lange wir noch schweigend dastanden? Wie lange wir brauchten, bis wir begriffen, dass wir gerettet waren... Einige weinten still vor sich hin, der Schrecken saß ihnen noch in den Gliedern, andere wieder fielen verwirrt in eine Art Starre oder verdrehten die Augen, als wollten sie sagen: „So was gibt’s doch nicht, das gibt’s doch nicht!“

Pater Bims ging auf dem feuchten Zementboden in die Knie. Sein Gesicht war wächsern, seine Lippen bleich, sein Blick erschreckend starr, er wiegte sich vor und zurück und murmelte vor sich hin. Ich eilte zu ihm und drückte ihn, nass wie ich war, an mich, eine beschützende Geste, das Gleiche hätte ich für Rudy getan. Und nun verstand ich auch, was er immer wieder sagte:

„Danke, mein Gott, danke. Im Namen meiner Kinder!“

Dann sah er mich an, schien mich zu erkennen und begann haltlos zu schluchzen …

Eine vage Freude bestimmte die folgenden Tage. Der Pater war heiter. Er gestand mir, der glückliche Ausgang der Geschichte habe ihm sein Vertrauen wiedergegeben.

„Sagen Sie, Vater, glauben Sie wirklich, dass Gott uns geholfen hat?“ j

Ich nutzte meine Hebräischstunde, um ihm Fragen zu stellen, die mir auf der Seele brannten. Der Pater sah mich liebevoll an.

„Um ehrlich zu sein, mein Kleiner, nein. Gott hat damit nichts zu tun. Wenn ich zuversichtlicher bin, nachdem, was wir mit dem deutschen Offizier erlebt haben, dann weil ich wieder ein bisschen Vertrauen in die Menschen gewonnen habe.“

„Also, ich denke, dass wir das alles Ihnen zu verdanken haben. Gott mag Sie eben.“

„Red nicht so dummes Zeug.“

„Glauben Sie etwa nicht, dass wenn man fromm ist, ein guter Jude oder ein guter Christ, dass einem da nichts passieren kann?“

„Woher hast du denn diesen dummen Gedanken?“

„Aus dem Religionsunterricht. Pater Bonifazius...“

„Halt! Das ist nicht nur dumm, sondern auch gefährlich! Die Menschen sind nicht gut zueinander, aber damit hat Gott nichts zu tun. Er hat die Menschen als frei erschaffen. Also leiden und lachen wir unabhängig von unseren Qualitäten oder unseren Fehlern. Was für eine furchtbare Rolle willst du Gott denn da zuschreiben? Glaubst du auch nur eine Sekunde lang, dass Gott den liebt, der den Nazis entkommt, und den, den sie fangen, verachtet? Gott mischt sich nicht in unsere Angelegenheiten.“

„Wollen Sie damit sagen, dass Gott egal ist, was passiert?“

„Ich will damit sagen, dass Gott, gleich was passiert, seine Aufgabe erfüllt hat. Jetzt ist die Reihe an uns. Wir, und nur wir allein sind verantwortlich für uns.“

7 – Gewissheit

Nicholas Sparks: Zeit im Wind, München: Heyne 52006, 151f. 188f. 194f.

Niemals hätte Landon gedacht, dass er sich in ein so seltsames Mädchen verlieben würde. Jamie ist immer freundlich, manchmal bis zur Schmerzgrenze nett und hilfsbereit, Landon, ein ziemlich cooler Klassenkamerad am College, der es liebt, Streiche auszuhecken. Doch Jamie stellt sich als die größte Liebe seines Lebens heraus. Tragischerweise ist ihr Glück nur von kurzer Dauer, denn Jamie leidet an Leukämie und muss damit rechnen, bald zu sterben.

„Landon“, sagte sie und sah mich an. „Denkst du manchmal über Gott nach?“

Ich zog meine Hand zurück. Also, wenn ich über Gott nachdachte, dann stellte ich ihn mir wie auf den Gemälden in der Kirche vor – als einen Riesen, der über dem Land schwebte, mit einem weißen Gewand und wallendem Haar, und mit dem Finger deutete –, aber ich wusste, dass sie das nicht meinte. Sie sprach von der göttlichen Vorsehung. Es dauerte einen Moment, bevor ich ant­wortete.

„Klar“, erwiderte ich. „Manchmal schon.“

„Fragst du dich manchmal, warum die Dinge sind, wie sie sind?“

Ich nickte zögernd.

„Ich denke in letzter Zeit viel darüber nach.“

Mehr als sonst? wollte ich fragen, ließ es aber. Es war klar, dass sie weitersprechen wollte, also schwieg ich.

„Ich weiß, dass Gott für jeden von uns einen Plan hat, aber manchmal verstehe ich einfach nicht, was er uns damit sagen will. Geht es dir auch so?“

Sie sagte das so, als würde ich die ganze Zeit dar­über nachdenken.

„Also“, fing ich an und versuchte zu improvisie­ren, „ich glaube, wir sollen es gar nicht immer verstehen. Ich glaube, manchmal sollen wir einfach Vertrauen haben.“ …

„Als die Ärzte uns die Diagnose mitteilten“, fuhr sie fort, sagten sie, ich solle, so lange es geht, ein möglichst normales Leben führen. Sie meinten, so würde ich besser bei Kräften bleiben.“

„Das ist aber nicht normal“, sagte ich mit Bitterkeit.

„Ich weiß.“

„Hast du keine Angst?“ …

Sie wandte den Blick ab. „Doch“, sagte sie dann, „ich habe die ganze Zeit Angst.“

„Warum verhältst du dich dann nicht so?“

„Das tue ich. Wenn ich allein bin.“

„Weil du mir nicht vertraust?“

„Nein“, antwortete sie, „weil ich weiß, dass Du auch Angst hast.“ …

Ich kam jetzt jeden Tag. Einerseits schien die Zeit langsamer zu vergehen, andererseits raste sie.

„Kann ich dir etwas besorgen?“

„Nein, danke, ich habe alles.“

Ich ließ meinen Blick im Zimmer umherschwei­fen, dann sah ich Jamie an. „Ich habe in der Bibel ge­lesen“, sagte ich schließlich.

„Wirklich?“ Ihre Augen leuchteten auf, …

„Ich wollte, dass du es weißt.“

„Darüber freue ich mich sehr.“

„Gestern habe ich das Buch Hiob gelesen“, sagte ich, „wo Gott Hiob richtig in die Mangel nimmt, um seinen Glauben zu prüfen.“

Sie lächelte und streichelte mir über den Arm. Ihre Hand lag zart auf meiner Haut. Es fühlte sich schön an. „Du solltest was anderes lesen. Da zeigt Gott sich ja nicht von seiner besten Seite.“

„Warum hat er Hiob das angetan?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete sie.

„Kommst du dir manchmal wie Hiob vor?“

Sie lächelte, ihre Augen funkelten. „Manchmal.“

„Aber du hast dein Gottvertrauen bisher nicht verloren?“

„Nein.“ Ich wusste, dass sie an ihrem festhielt, aber ich glaube, ich war dabei, meins zu verlieren.

„Liegt es daran, dass du glaubst, du könntest wie­der gesund werden?“

„Nein“, sagte sie, „es liegt daran, dass mir das als Einziges bleibt.“