Interview Taizé

Interview Taizé

Sieben Worte, sieben Fragen
Interview mit Frère Timothee und Frère Wolfgang, Taizé

- Der diesjährige Kreuzweg beschäftigt sich mit drängenden Lebensfragen und dem Aspekt, wie der Glaube diesen Fragen eine Art andere „Färbung“ geben kann; in Taizé sehen Sie sich seit Jahrzehnten immer wieder mit Lebensfragen junger Menschen konfrontiert. Haben sich diese gewandelt?

Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen der vorhergehenden Generation waren relativ gut versorgt, durch ihre Familien wie durch den Staat, sie stellten in den deutschsprachigen Ländern eine große Bevölkerungsgruppe dar, die ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein haben konnte. Sie hatten Zeit zu träumen und Alternativmodelle zur bestehenden Gesellschaft zu entwickeln. Die Verhältnisse haben sich ziemlich gewandelt. Deshalb staunen wir Brüder, dass nach wie vor Jugendliche gerade auch aus Deutschland, aus Österreich und der Schweiz Zeit aufbringen und Lust haben, eine Woche an einem Ort wie Taizé zu fahren. Es scheint uns, dass sie die Erfahrungen bei den Jugendtreffen hier heute sehr realistisch und bewusst in ihren Alltag einbauen. Die Stille in den gemeinsamen Gebeten wird angesichts der Hektik zuhause vielleicht noch tiefer aufgenommen als früher. Wir bewundern, dass die Jugendlichen auch in den heutigen Lebensbedingungen Wege finden, zur Ruhe kommen, dass sie, obwohl sie ihre Chancen zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt viel stärker selbst suchen müssen, dennoch nicht die Freude verlieren, auch auf ganz andere Jugendliche zuzugehen, die Lust an einer unsortierten Gemeinschaft. Das macht uns Brüdern Mut, unsererseits dasselbe zu tun und uns an der wenig berechenbaren Vielfalt derer, die hierher kommen, zu erfreuen.


- Die Brüder von Taizé gehen in Krisengebiete und leben mit Notleidenden – einfach um bei diesen Menschen zu sein, sie zu ermutigen. Zu was? Und wie?

Wir leben unter den Armen in Bangladesch, im Senegal oder in Brasilien nicht, um dort große Hilfsprogramme durchzuführen. In dieser Hinsicht vertrauen wir auf die Aktivitäten der Kirchen. Wir versuchen gerade Jugendlichen und jungen Erwachsenen dort möglichst nahe zu kommen, sie in der Hoffnung auf eine andere Zukunft zu bestärken, die sie oft in äußerst widrigen Verhältnissen, trotz allem für ihr Land suchen. Dabei wenden wir uns besonders den benachteiligten Kindern und jungen Leuten zu, Jugendlichen mit einer Behinderung oder unterster sozialer Schichten. Wir tun dies mit ganz einfachen Mitteln, weil auf dieser Ebene große materielle Mittel die Beziehungen verfälschen könnten. Wir schenken ihnen, wie auch unseren Besuchern in Taizé, in erster Linie unsere Zeit.


- Spiegeln die Lebensfragen, die wir aus den sieben letzten Worten Jesu ableiten, auch Ihre eigenen, persönlichen wieder? Und welche Antworten schenkt Ihnen der Glauben bisher?

Allein schon das Wort „Vergebung“ trifft den Nerv der Berufung von uns Brüdern in Taizé. Wir sind nicht dazu da, die gute Jugendarbeit zu verdoppeln, die im deutschsprachigen Raum mit viel Engagement und Kompetenz weit über die Ränder der Kirchen hinaus gemacht wird. Frère Roger, der die Communauté ins Leben rief, hat immer wieder betont: Unsere erste Aufgabe ist es, als Brüder aus unterschiedlichen Nationen und Konfessionen ein „Gleichnis der Gemeinschaft“ zu leben, lebendige Beziehungen in Christus, und zu denen gehört es, einander immer wieder zu verzeihen, sich immer neu zu versöhnen. Würden wir dies vernachlässigen, kämen wohl in kürzester Zeit kaum mehr Menschen nach Taizé, vor allem keine Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Und Zweifel, Angst, Not und Trockenheit, Erschöpfung und Tod sind uns Brüdern dabei ebenso wenig fremd wie den Jugendlichen, mit denen wir tagtäglich, auch in denen großen Sommerwochen, persönliche Gespräche führen. Wie sehr dies plötzlich in das Leben auf unserem Hügel einbrechen kann, erlebten wir besonders bei Frère Rogers Tod. Das waren schlimme Stunden, aber es war eine Zeit, in der wir spürten, wie sehr wir im Rahmen der Jugendtreffen einander begleiten. In Christus, in der Kirche ist alles auf Gegenseitigkeit angelegt. Wir haben nicht weniger als sonst gemeinsam gesungen in jenen Tagen, im Gegenteil.


- Junge Menschen, die sich im Vorfeld mit den sieben letzten Worten Jesu beschäftigt haben, taten sich am schwersten mit den Begriffen „Paradies“ und „Lebensdurst“. Wie füllen sich diese beiden Begriffe für Sie persönlich?

Vielleicht ist das „Paradies“ schwer zu fassen, weil es etwas ist, das auf der Erde nicht verwirklicht werden kann, ja nicht verwirklicht werden darf. Als ich vor über 40 Jahren mit den anderen Jugendlichen in unserer Kirchengemeinde den ökumenischen Kreuzweg betete, taten wir dies über die Mauer hinweg in tiefer Gemeinschaft mit Gleichaltrigen in der DDR. „Paradies“ heißt wörtlich „etwas Eingefriedetes, etwas Eingezäuntes“. Es ist verlockend, sich sein kleines Paradies schaffen oder anderen ein solches als bessere Welt aufdrängen zu wollen. Leider verkehrt sich dies dann unversehens in eine Art Hölle. Es gilt eine spannungsgeladene Unübersichtlichkeit auf der Erde auszuhalten. Unparadiesische Verhältnisse auf der Erde, die manche bis hin zu Kurzschlussreaktionen verunsichern, können freilich nichts der Verheißung anhaben, die Jesus bei seiner Hinrichtung dem Mitgekreuzigten zuspricht. Und gerade weil wir „mit ihm im Paradies“ sein werden, können wir uns verantwortungsbewusst, aber nicht ideologisch doktrinär den Verhältnissen auf der Erde, auch dem Elend in jeder Form, stellen.

Und ohne einen tiefen Durst nach Leben kann man nicht Bruder werden, die Berufung nicht tief in sich aufnehmen. Wir singen in Taizé häufig die Worte des spanischen Mystikers Johannes vom Kreuz: „De noche iremos, de noche que para encontrar la fuente, sólo la sed nos allumbra“, auf Deutsch geht das: „In dunkler Nacht woll’n wir ziehen, lebendiges Wasser finden, nichts als der Durst wird uns leuchten.“ Der Durst ist schon ein Licht in der Dunkelheit, auch an manchen dunklen Stellen in der Kirche.


- Taizé hat die Jugend nicht gesucht – es war wohl umgekehrt. Heute setzen sich die Brüder (und die mit Ihnen arbeitenden Schwestern) mit Leidenschaft für die jungen Menschen ein. Welche Beweggründe treiben Sie dazu? Was ist ihnen im Umgang mit den Jugendlichen aufgegangen?

Es stimmt, am Anfang versuchten die Brüder, sich die Jugendlichen eher vom Leib zu halten. Sie hatten sich ja eigens in eine wenig bewohnte Gegend zurückgezogen. Vielleicht wäre Taizé ohne die Jugendlichen eine Art geistliches Dornröschenschloss geworden, ein Geheimtipp für kleine, feine Kreise. Das wussten die Jugendlichen zu verhindern, und diese Chance haben die Brüder wohl schnell erkannt und die Jugendlichen so aufgenommen, wie sie waren und sind, und sich auch ihren unbequemen Fragen gestellt. Und es fehlte nicht an Schwestern, die uns dabei unter die Arme greifen. Wir wurden und werden seither reich beschenkt. Unser Vertrauen wird nur ganz selten enttäuscht, und auch wir möchten auf der Höhe des Vertrauens sein, dass uns die Jugendlichen entgegenbringen und alle, die sich mit ihnen hierher auf den Weg machen. Vielleicht haben wir durch die Jugendtreffen nochmals so richtig begriffen, was unter uns Brüdern an sich längst feststand, nämlich welchen hohen Stellenwert es hat, einander vertrauen zu können.


- Die Mitglieder des Redaktionsteams haben im vergangenen Jahr die letzten sieben Worte Jesu beschäftigt. Welcher Teil aus der Passion geht ihnen besonders nahe?

Letztlich das Verzeihen, das Jesus bei Gott, bei seinem Vater für die Menschen erbittet, die ihn zur Strecke bringen. Am Gekreuzigten tobt sich der Hass aus, wie es in der Kunst, auch in Filmen drastisch dargestellt wurde. Das Wesentliche sind aber nicht solche Darstellungen, sondern die durch die Bibel verbürgte Tatsache, dass der Hass nicht mehr vom Kreuz in die Welt hinein wirken kann. Paulus schreibt, Jesus habe am Kreuz in seiner eigenen Person, an seinem eigenen Leib den Hass, die Feindschaft getötet. Wer Hass sät, vergreift sich also am lebendigen Gott, am Gott Jesu Christi, und für ihn wäre, wie Paulus ebenfalls schreibt, Jesus umsonst gestorben.


- Zum Schluss eine Bitte: Ihr Wunsch/Ihr Wort an die Beter des Jugendkreuzwegs 2010.

Ein an dieser Stelle vielleicht unverhofftes Wort: Vergesst die jungen Muslime nicht, die mehr oder weniger in eurer Nähe leben. Ihr habt einander viel zu geben. Und auch manchen, die von sich sagen, dass sie nicht glauben oder nicht glauben können.