Texte zu den Kreuzwegstationen 2010

Texte zu den Kreuzwegstationen 2010
gedacht als Weiterführung und Vertiefung der Stationsthemen
Barbara Honold
Rund um Text und Bild
www.vom-lektorat-zum-buch.de



1. vergib: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
Lk 23,34

Vergebung, Schuld, Recht/ Gerechtigkeit, Gande – gnadenlos



Vier junge Leute – Kris, Wolf, Frauke, Tamara – entwickeln eine ungewöhnliche Geschäftsidee:

SORRY
WIR SORGEN DAFÜR,
DASS IHNEN NICHTS MEHR PEINLICH IST.
FEHLTRITTE, MISSVERSTÄNDNISSE
KÜNDIGUNGEN, STREIT & FEHLER.
WIR WISSEN, WAS SIE SAGEN SOLLTEN.
WIR SAGEN, WAS SIE HÖREN WOLLEN.
PROFESSIONELL & DISKRET.

Unter der Anzeige befindet sich keine Homepage- oder Mail-Adresse. Sie haben einstimmig dagegen entschieden. Frauke hat nur Kris' Festnetznummer eintragen lassen. Es ist ein Gag. Sie wollen sehen, wer sich meldet, ob jemand sich meldet und was er zu sagen hat.
Am ersten Tag geschieht nichts.
Am zweiten Tag geschieht nichts.
Am dritten Tag haben sie vier Anrufer.
Bis zum Wochenende sind es neunzehn.
Ohne zu begreifen, wie es möglich ist, sind sie im Geschäft.


Die Firmen hörten von ihnen und reagierten. Es meldeten sich Geschäftsführer, die das schlechte Gewissen plagte; Manager, die in der dritten Person erklärten, welche Probleme sie hatten, und Sekretärinnen, die, vorgeschoben von ihren Chefs, nur mal nachfragen wollten, wie das eigentlich funktioniert.
Oft sind es ellenlange Telefongespräche mit peinlichen Bekenntnissen, aber natürlich gibt es auch Kunden, die gar nicht reden wollen und ihre Vorstellungen per Post schicken. Sie sind Tamara die liebsten. Sachlich und kühl bitten sie um die Hilfe der Agentur.

Alles läuft gut. Bis sich ein Mörder an die junge Agentur wendet, mit der Bitte, sich bei seinem Mordopfer zu entschuldigen und die Leiche zu beseitigen. Und anstatt zu zahlen, erpresst er die fünf, bis diese selbst zu Killern werden:

„Ich dachte, ich hätte einen Weg gefunden, und dann ... dann habe ich von euch gehört. Ihr ... ihr habt Absolution gegeben und die Schuld von anderen genommen, als ob das einfach so ginge. Ich ... ich wusste, dass ihr mir nicht helfen konntet. Ich hätte auch keine Hilfe gewollt. Schuld ist persönlich. Schuld ist privat. Und niemand kann sich bei einem Toten entschuldigen, oder? Niemand ... niemand kann einen Toten zufriedenstellen ... Niemand.“



Zoran Drvenkar, Sorry, Berlin: Ullstein 2009, S. 61-62, 70-71, 392

2. Paradies: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“
Lk 23, 43

Lebensraum, alles wird gut, Verheißung, irdisches Paradies



Der Anruf kam kurz nach elf …
»Herr Allmann?«, fragte eine Frauenstimme. »Spreche ich mit Herrn Robert Allmann?«
»Ja«, sagte ich und hörte selbst, wie reserviert meine Stimme klang. …
»Mein Name ist Voula Perides, ich rufe im Auftrag der Baden-Württembergischen Lottogesellschaft an. Ich habe eine erfreuliche Nachricht für Sie.« …
»Hab ich etwa gewonnen?« …
»Ja, Sie haben gewonnen … Sie teilen sich den Jackpot mit einem einzigen anderen Gewinner. Auf Sie entfallen sechs Komma zwei Millionen.«

Eine Woge der Zuneigung zu der Anruferin erfüllt Robert, der plötzlich nicht mehr zwischen Schock und Euphorie zu unterscheiden vermag. Seine Frau Regina („das Größte, was mir je widerfahren ist“) soll es als Erste erfahren. Doch der Abend mit ihr verläuft anders als geplant. Bevor er seiner großen Liebe die gute Neuigkeit mitteilen kann, muss er feststellen, dass er sie verloren hat. Gleichzeitig ist in seinem Leben nichts mehr, wie es war:

Immer wenn ich von einem Lottogewinn geträumt hatte, war mir eines als ganz sicher erschienen: Mein Leben würde einfacher werden. Das stimmte nicht, es war deutlich komplizierter. Nicht nur, weil Regina mich in eine andere Umlaufbahn geschossen hatte, auch das Geld brachte mich um manches, was zuvor selbstverständlich gewesen war. Um der zu bleiben, der ich war, müsste ich lügen, dürfte niemandem zeigen, dass ich mir jeden Wunsch erfüllen konnte, weil mich das zu einer Art von Exoten machte, der nicht auf Toleranz hoffen kann. Niemand ist tolerant gegenüber Reichen, denn sie sind eine Beleidigung. Sie verhöhnen das Prinzip, an dem sich unsere Ehre, unsere Würde, unser Selbstwertgefühl orientieren: Geld ist Belohnung für Leistung. Ein Reicher hat aber so viel, dass es in keinem Verhältnis mehr zu irgendeiner Leistung steht. Er ist ein unsympathischer Freak, der nicht auf Gnade zählen kann. Er beleidigt unseren Stolz.
Eins war klar: Ich konnte durch eine Maskerade nicht der bleiben, der ich war, denn der maskierte sich nicht. Er log seine Freunde nicht an. Und: Geld macht frei, aber frei sein ist nicht automatisch ein wundervoller Zustand. Es lässt sich leicht mit Einsamkeit verwechseln.



Thommie Bayer, Eine kurze Geschichte vom Glück, München – Zürich: Piper 2009,
S. 9–12, 178–179.


3. siehe! „Frau, siehe, dein Sohn!“ und: „Siehe, deine Mutter!“
Joh 19,25-27

Beziehung, Verantwortung, Familie, füreinander-Dasein, Gemeinschaft



Britta lebt mit ihrem verwitweten Vater auf einer Nordseeinsel, als Feriengäste kommen: Bernadette Grather nebst Tochter, Tante Edda, Cousine Ellen und gelegentlich auch Brittas Verlobter Pierre. Als Britta Pierre vom Hafen abholt, treffen sie zufällig auf die 16-jahre alte Marion, die von zu Hause ausgerissen ist, nachdem mehrere Mitglieder ihrer Jugendbande im Gefängnis gelandet sind und ihr Stiefvater angekündigt hat, sie in ein Heim für Schwererziehbare zu geben. Da sie krank ist und anscheinend keine Unterkunft gefunden hat, nehmen sie sie bei sich auf:

Zu Hause brauchten wir nicht viel zu sagen …
»Sie muss ins Bett«, sagte Vati.
»Aber wo?«
»Ich nehme sie zu mir«, entgegnete ich …

Als ich Pierre abends zum Schiff gebracht hatte, ging ich wieder zu Marion. Sie lag auf dem Rücken, hellwach, und starrte geradeaus ins Leere. Marion richtete die Augen groß auf Tante Edda, sagte aber nichts …
»Was macht die Temperatur heute?« fragte Tante Edda.
»38,3.«
»Fein! Wir werden dich bestimmt schnell gesund kriegen.« Marion antwortete nicht. Sie sah Tante Edda schweigend an, drehte den Kopf und starrte auf das Tapetenmuster.
»Hat Britta dir eigentlich erzählt, wo du dich befindest?« erkundigte sich Tante Edda.
»Oder liegst du nichtsahnend hier? Passmal auf, ich schildere dir, welche Bande hier im Haus wohnt. Wir sind nämlich eine ganz komische, zusammengewürfelte Familie.«
Dann erzählte sie lächelnd und in einem ganz alltäglichen Ton über uns, gab mit wenigen treffenden Worten eine kleine Charakteristik von jedem. Marion hörte aufmerksam zu. Es trat eine kleine Pause ein. Marion sah aus, als ob sie mit sich kämpfte. Tante Edda kam zu Hilfe.
»Marion, wollen wir wetten, dass ich weiß, woran du denkst?«
»Das wissen Sie nicht.«
»Doch, genau. Du denkst darüber nach, ob du jetzt etwas über dich erzählen sollst. Das brauchst du aber nicht, denn wir wissen Bescheid. «
Eine Angst schossin Marions Augen. Sie richtete einen fragenden Blick auf Tante Edda.
»Was wissen Sie?«
Tante Eddas Stimme war vollkommen ruhig und nüchtern und genauso laut oder wenig laut wie immer:
»Dass du mit einer Verwarnung davongekommen bist, Gott sei Dank. Noch einen Schluck Tee?« Marions Lippen zitterten. »Ja, und dann wissen wir, dass du von zu Hause ausgerückt bist. Mach doch kein so entsetztes Gesicht, Kind. Sei lieber froh, dass wir es wissen, dann brauchst du es nicht selbst zu sagen …«
Es vergingen ein paar Augenblicke, bevor Marion sprach. Schließlich fragte sie mit ganz leiser Stimme:
»Schicken Sie mich nach Hause?« Tante Edda lächelte.
»Du drückst dich aber komisch aus. Du bist doch kein Paket, das man verschicken kann! Zuerst wollen wir dich gesundpflegen. Später sprechen wir ein bisschen zusammen. Vielleicht können wir dir mit einem guten Rat helfen. Weißt du, ein Haus mit so vielen erfinderischen Köpfen – einer von uns wird bestimmt auf eine gute Idee kommen.«
Wieder eine Pause. Dann fragte Marion:
»Warum machen Sie das?«
»Was machen wir?«
»Mir helfen.«

B. Bratt, Marions glücklicher Entschluss, München u. a.: Schneider-Verlag, 1983, S. 50. 59.

4. verlassen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“
Mk 15,34/ Ps 22,2

Zweifel, Einsamkeit, perspektivlos, im Stich gelassen werden, Gott-los, Klage



Ich war nach dem Unfall ein anderer Mensch. Meine Freundschaften gingen an Textmangel ein. Ich hatte das Plaudern verlernt und antwortete entweder gar nichts oder das Falsche, sagte irgendwas viel zu Großes auf eine kleine Bemerkung, und alle verstummten. Um nach peinlichen Sekunden wieder von vorn anzufangen mit dem Klangteppich aus Worten und Sätzen, der für nichts weiter sorgen sollte als Wärme und den ich auf einmal weder verstand noch ertrug. Wie die sinnlose Musik in Kaufhäusern, Saunen und Toiletten. Ich war dem Tod von der Schippe gesprungen, und das Leben erschien mir nicht etwa kostbarer, sondern beliebiger. Hätte ich eine Lücke hinterlassen, dann wäre die eben geschlossen worden. Ein paar Tränen von ein paar Trauernden, ein paar Dinge, die den Besitzer wechseln, Kleider, die im Container landen, CDs und Platten in einem Secondhandladen, Bücher beim Antiquar und Briefe, die man auf keinen Fall wegschmeißen wird und dann natürlich doch nach einer Anstandsfrist, und zwar ohne den Karton noch mal zu öffnen. Und bald sind die Erwähnungen meines Namens von kleinen prüfenden Seitenblicken flankiert, ob der andere auch noch so traurig guckt, und die Zeit heilt alle Wunden, so was gibt sich irgendwann, und dann ist's gut. Von mir bleibt nichts, und die Welt ist davon nicht ärmer geworden.



Thommie Bayer, Das Aquarium, Droemer/Knaur 2009, S. 7.

5. mich dürstet: „Mich dürstet.“
Joh 19, 28

Durst, Not, Trockenheit, Bedürfnis, Bitte



»Vielleicht sollten wir erst einmal klären, um was es in unserem Gespräch geht?« ...
»Wir hatten eine Abmachung«, sagte Kristoffer. »Ich habe sie gebrochen. ... Ich sollte um zwölf Uhr zu Hause sein. Ich bin erst um zwei gekommen.«
»Zehn Minuten nach.«
»Zehn Minuten nach zwei.«
Sie beugte sich ein wenig zu ihm vor. Wenn sie mich doch in den Arm nehmen könnte, dachte er. Jetzt schon. Doch er wusste, dass dies nicht geschehen würde, bevor nicht alles besprochen war. Und es war noch nicht alles besprochen. Noch lange nicht.
»Ich mag nicht hier sitzen und Fragen stellen, Kristoffer. Gibt es sonst noch etwas, was du mir erzählen willst?«
Er holte tief Luft. »Ich habe gelogen. Und zwar schon vorher ... Ich hatte nie vor, zu Jonas zu gehen. ... Ich war bei den Zwillingen.« ...
»Ich verstehe. Und warum musstest du mich deshalb anlügen?«
»Wenn ich das gesagt hätte, hättest du mich nicht gehen lassen.«
»Warum hätte ich dich denn nicht gehen lassen sollen?«
»Weil es nicht... weil das kein guter Ort ist für einen Samstagabend.«
»Was sollte schlecht daran sein, an einem Samstagabend zu den Zwillingen Pettersson zu gehen?«
»Na, die trinken öfter ... wir haben auch getrunken. Wir waren zehn, fünfzehn Leute, und wir haben Bier getrunken und geraucht. Ich weiß nicht, warum ich dorthin gegangen bin, es war sinnlos.«
Sie nickte, und er sah, dass er ihr große Sorgen bereitet hatte.
»Das verstehe ich jetzt nicht. Warum bist du dann dort hin gegangen? Du musst doch einen Grund dafür gehabt haben?«
»Ich weiß es nicht.«
»Weißt du nicht, warum du etwas tust, Kristoffer? Das klingt aber nicht gut.« Jetzt sah sie besorgt aus, geradewegs bekümmert. Nimm mich in die Arme, verdammt noch mal, dachte er. Ich werde es dir doch nie recht machen können. Nimm mich in die Arme, und dann scheißen wir auf alles.
»Ich wollte es nur mal ausprobieren ... glaube ich.«
»Was ausprobieren?«
»Wie das ist.«
»Was?«
»Na, zu saufen und zu rauchen, verdammt noch mal! Nun hör endlich auf, siehst du nicht, dass ich nicht mehr kann ...«
Die Tränen und die Hoffnungslosigkeit überkamen ihn jäher und schneller, als er gedacht hatte, und in gewisser Weise war er dankbar dafür. Es war ein schönes Gefühl, aufzugeben. Er ließ sich über den Tisch fallen, das Gesicht im Ellbogen, und schluchzte. Aber sie bewegte sich nicht und sagte nichts. Nach einer oder vielleicht auch zwei Minuten war es vorüber, er stand auf, ging zum Spülbecken und holte sich einen halben Meter Küchenrolle. Putzte sich die Nase und kehrte an den Tisch zurück.
Dort blieben sie noch eine Weile schweigend sitzen, und langsam wurde ihm klar, dass sie gar nicht daran dachte, ihn in den Arm zu nehmen.
»Ich möchte, dass du das Papa auch erzählst, Kristoffer«, sagte sie. »Und außerdem möchte ich wissen, ob du uns in Zukunft weiterhin anlügen willst oder ob wir dir vertrauen können ...« ...
»Nein, ich ...«, unterbrach er sie, aber sie unterbrach ihn gleich wieder.
»Jetzt nicht«, sagte sie. »Es ist ein wichtiger Entschluss, welche Bahn du einschlägst, die der Wahrheit oder die der Lüge. Am besten, du denkst ein paar Tage darüber nach.«
Anschließend stand sie auf und ließ ihn allein. Nein, dachte er, sie hat mich ja nie in den Arm genommen. Mir nicht einmal mit der Hand über den Rücken gestrichen. Und eine Art Schweigen, das er als ebenso neu wie auch lähmend empfand, breitete sich in ihm aus.

Håkan Nesser, Mensch ohne Hund, München: btb-Verlag 2009, S. 31–32.

6. vollbracht: „Es ist vollbracht.“
Joh 19,30

Vollendung, Tod, Sieg, Erschöpfung, Erlösung Finale, Konsequenz



Und sehr spät in der Nacht, zu der Zeit, wenn die Erde still liegt und die Gezeiten des Meeres wechseln, schied Joy Lewis nach dem letzten Todeskampf aus dem Leben. Sie starb in tiefer Stille …

Jack Lewis saß in sich zusammengesunken am Totenbett seiner Frau, die Hände hilflos auf dem Schoß. Alle Hoffnung, alle Liebe waren aus seinen Zügen gewichen. Es war vorbei. Joy war aus seinem Leben getreten, und jetzt war er allein.

Am Tag von Joys Bestattung konnte Jack Lewis keine Tränen mehr vergießen. Er hatte alle Tränen der Welt geweint, und nun blieben seine Augen trocken. Außerdem, was nützten Tränen? Gott sah sie ja doch nie. Er achtete ihrer so wenig wie der Gebete …

Jack schüttelte sich. »Ich habe Angst. Angst, sie nie wiederzusehen. Oder vor dem Gedanken, dass das Leiden nichts anderes als Leiden ist. Ohne Sinn und Zweck. Nur Leiden in einer ganzen Welt voller Leiden.«


Seufzend ließ sich Lewis auf dem Fußboden nieder und hockte nun neben seinen Sohn Douglas, wobei er unbewusst die gleiche Haltung einnahm. Eine Zeitlang saßen sie schweigend nebeneinander.
Dann ergriff Lewis das Wort. »Douglas, als meine Mutter starb, war ich im selben Alter wie du jetzt. Ich dachte, wenn ich für sie betete, würde es ihr wieder bessergehen, und wenn ich wirklich daran glaubte, dass es ihr wieder bessergehen würde, dann würde sie nicht sterben. Aber sie ist doch gestorben.«
»Es hat also nicht geklappt«, sagte Douglas traurig.
»Nein«, gab Lewis zu. »Es hat nicht geklappt.«
»Mir egal«, sagte der Junge, aber es war ihm überhaupt nicht egal.
»Ich habe deine Mutter sehr geliebt. Vielleicht zu sehr. Sie wusste es. Sie hat mich gefragt, ob es sich lohne. Sie wusste ja, wie es enden würde. Es kommt einem ungerecht vor, nicht wahr?«
»Ich verstehe nicht, warum sie krank werden musste«, sagte der Junge mit unterdrücktem Schluchzen.
»Ich auch nicht. Aber man kann sich an niemand festklammern. Man muss die Dinge geschehen lassen.«
»Jack?«
»Ja.«
»Glaubst du an den Himmel?«
Nach langem Schweigen antwortete Lewis schließlich: »Ja.« Ja, trotz allem, was geschehen war, glaubte er noch daran. Noch immer hielt er an der Idee der Wiederauferstehung und des ewigen Glücks fest.
»Ich glaube nicht an den Himmel«, sagte Douglas traurig.
»Das ist okay.« …
»Ich würde sie aber gern wiedersehen.«
»Ich auch.«



Leonore Fleischer, Shadowlands, Bergisch Gladbach: Bastei-Lübbe 1993, S. 225-236.

7. In deine Hände: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“
Lk 23, 44-46/ Ps 31,6

Heimat, Vertrauen, loslassen, zur Ruhe kommen



Religion, das war für seine Eltern, und überhaupt für alle Leute, die er kannte, eine Art Regenschirm. Bei schönem Wetter denkt man überhaupt nicht an seinen Regenschirm. Erst wenn es regnet, fällt er einem wieder ein. Aber wirklich glauben – das tat niemand, den er kannte.

Und als Stephen heranwuchs, kam ihm das, was zu glauben da von einem gefordert wurde, ohnehin mehr und mehr wie eine Zumutung vor. Die jungfräuliche Empfängnis, zum Beispiel. …

Und dann war da Nick. Nick Foster. Nick war sein bester Freund gewesen, seit er denken konnte. Sie hatten sich feierlich ewige Freundschaft geschworen. Hatten gemeinsam die Sammelbilder aus den Cornflakes-Packungen gesammelt. Die großen Mädchen heimlich beim Baden im See beobachtet und Witze über Busen gemacht. Sie hatten sich überlegt, was sie einmal werden wollten, wenn sie groß waren. Stephen hatte Astronaut werden wollen, Nick dagegen Gouverneur oder Senator.
Doch dann war Nick ertrunken. An einem ganz gewöhnlichen Tag im Herbst. War in den See gefallen, hatte den Kopf angeschlagen, so dass er bewusstlos wurde, lange genug, um zu ertrinken. Gerade zehn Jahre alt. …

Damals, als er von einem Tag auf den anderen allein dagestanden hatte, zurückgelassen, da hatte er zu Gott gebetet, er solle Nick wieder lebendig machen. Wenn Jesus von den Toten auferstehen konnte, warum nicht Nick? Aber Gott erhörte ihn nicht. Heute musste er über sich selber lächeln, wenn er daran zurückdachte. Er hatte seine Eltern imitiert. Gott war eine Instanz, an die man sich wandte, wenn man allein nicht zurechtkam. Eine Instanz, die einem dann auch nicht half.

Oder doch?



Andreas Eschbach, Das Jesus Video, Augsburg: Bastei Lübbe 1988, S. 249 f.

Übersicht über alle Quellen:

1. vergib Zoran Drvenkar, Sorry, Berlin: Ullstein 2009, S. 61-62, 70-71, 392.
2. Paradies Thommie Bayer, Eine kurze Geschichte vom Glück, München – Zürich: Piper 2009, S. 9–12, 178–179.
3. siehe! B. Bratt, Marions glücklicher Entschluss, München u. a.: Schneider-Verlag, 1983, S. 50. 59.
4. verlassen Thommie Bayer, Das Aquarium, Droemer/Knaur 2009, S. 7.
5. mich dürstet Håkan Nesser, Mensch ohne Hund, München: btb-Verlag 2009, S. 31–32.
6. vollbracht Leonore Fleischer, Shadowlands, Bergisch Gladbach: Bastei-Lübbe 1993, S. 225-236.
7. In deine Hände Andreas Eschbach, Das Jesus Video, Augsburg: Bastei Lübbe 1988, S. 249 f.




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