Filmtipps zu den Kreuzwegstationen 2010

Filmtipps zu den Kreuzwegstationen 2010
gedacht als Weiterführung und Vertiefung der Stationsthemen
Josef Lederle
FILM-DIENST
www.film-dienst.de


1. vergib: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
Lk 23,34

Vergebung, Schuld, Recht/ Gerechtigkeit, Gande – gnadenlos

Dead Man Walking
Matthew Poncelet (Sean Pean) sitzt in New Orleans in der Todeszelle. Er soll wegen eines brutalen Doppelmordes mit der Giftspitze in Kürze hingerichtet werden. Um vielleicht doch noch begnadigt zu werden, wendet er sich in einem Brief an die Ordensschwester Helen Prejean (Susan Sarandon), die sich seine Not erbarmt. Das ist der Beginn einer aufwühlenden Reihe von Begegnungen. Denn die Nonne trifft auf einen hasserfüllten, von jeglicher Reue weit entfernten Mann, der hartnäckig seine Unschuld beteuert. Doch ihre Gespräche bleiben nicht ohne Folgen. Poncelet beginnt sich seiner Vergangenheit zu stellen, Helen konfrontiert sich mit den Angehörigen der Opfer, die Gerechtigkeit einfordern. Das auf wahren Ereignissen beruhende Drama fokussiert nicht auf die Frage pro oder contra Todesstrafe, sondern konzentriert sich auf die Gedanken, Gefühle und Einstellungen aller Beteiligten, wodurch der Filme eine große Komplexität gewinnnt, die unmerklich in spirtituelle Dimensionen überleitet. (Kinotipp der katholischen Filmkritik) – Sehenswert ab 16.


2. Paradies: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“
Lk 23, 43

Lebensraum, alles wird gut, Verheißung, irdisches Paradies

Hoppet
Der zwölfjährige Azad und sein jüngerer Bruder Tigris werden von ihren Eltern aus ihrer vom Krieg zerstörten Heimat im Mittleren Osten auf eine gefährliche Reise nach Deutschland geschickt, wo Verwandte leben. Sie sollen illegal nach Frankfurt geschmuggelt werden. Doch die Kinder werden von den Schleppern hereingelegt und landen in Stockholm. Zum Glück findet Azad bald Freunde, die ihm helfen. Als er im Schulsportverein sein Talent unter Beweis stellen kann und das Team zu einem Wettkampf nach Berlin eingeladen wird, nutzt Azad die Chance, um seine Eltern zu suchen. Ein spannendes Drama, das über die Träume, Ängste und Wünsche der Kinder von Migration und Fremde, Freundschaft und Familienbande erzählt. – Sehenswert ab 8.


3. siehe! „Frau, siehe, dein Sohn!“ und: „Siehe, deine Mutter!“
Joh 19,25-27

Beziehung, Verantwortung, Familie, füreinander-Dasein, Gemeinschaft

Oben
Ihr Leben lang haben Carl und Ellie davon geträumt, auf den Spuren des Entdeckers Carl Muntz in fremde Länder zu reisen. Doch erst Ellies Tod zwingt den alten Mann, alles hinter sich zu lassen und ihr betagtes Häuschen an Tausenden bunter Luftballons in eine Art Luftschiff zu verwandeln, mit dem er Richtung Amazonas fliegt. Ein kleiner Pfadfinder begleitet ihn dabei nach Südamerika, wo sie nicht nur aufregende Abenteuer zu bestehen haben, sondern Carl auch in eine Situation gerät, in der er sich zwischen alten Sehnsüchten und aktuellen Herausforderungen entscheiden muss. Ein poetisch-tiefsinninger Animationsfilm über Abschied, Freundschaft und den Mut zur Verändung, in dem Rührung und pointierter Witz perfekt austariert sind. – Sehenswert ab 10.


3) An Deiner Schulter
Terry (Joan Allen), eine amerikanische Mittvierzigerin aus gehobenen Verhältnissen, wird eines Tages damit konfrontiert, dass ihr Mann verschwunden ist; anscheinend hat er sich mit seiner Sekretärin aus dem Staub gemacht. Sie ertränkt ihre maßlose Wut in Alkohol und schlägt sich misslaunig mit ihrer drei Töchter herum, die im wachsenden Maße eigene Weg beschreiten. Doch auch dem Nachbarn Denny (Kevin Costner), der immer schon eine Schwäche für Terry hatte, gelingt es nicht, die aufgebrachte Frau zu beruhigen. Erst allmählich, im Laufe von Wochen und Monaten, vermag Terry aus den Bruchstücken ihres zertrümmerten Daseins eine neue Identität zu gewinnen; sie ist zwar nicht mehr die nette Frau von früher, hat aber ihr Herz nicht komplett verloren. Ein facettenreiches, tragikomisches Familiendrama mit einer brillanten Hauptdarstellerin. – Ab 14.


Raus aus Amal
Agnes und Elin leben in der schwedischen Kleinstadt Amal. Zwei Teenager, die nicht verschiedener sein könnten. Elin ist beliebt und hübsch, Agnes eine Außenseiterin. Nachdem Elin Agnes bei einer albernen Wette einen Kuss auf die Lippen gedrückt hat, meidet sie den Kontakt und fängt eine Beziehung mit dem schüchternen Johan an. Die Möglichkeit, für Agnes echte Gefühle zu empfinden, verdrängt sie. Der sensible Debütfilm erzählt auf erfrischend unspektakuläre Weise von jugendlicher Selbstfindung und den kleineren und größeren Widerständen, die dabei überwunden werden müssen. – Ab 16.


4. verlassen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“
Mk 15,34/ Ps 22,2

Zweifel, Einsamkeit, perspektivlos, im Stich gelassen werden, Gott-los, Klage

Elina
Die neunjährige Elina lebt in den 1950er-Jahren im Norden Schwedens nahe der finnischen Grenze. Sie leidet an Tuberkulose, einer Krankheit, an der ihr Vater gestorben ist. In der Schule gerät sie immer wieder mit der strengen Lehrerin in Konflikt, deren Hartherzigkeit Elina zum Widerstand reitzt. Als sich die Auseinandersetzungen zuspitzen, flüchtet Elina ins Moor und verliert den Boden unter den Füßen. Ein engagiertes, zutiefst bewegendes Plädoyer für ein gerechtes, von Liebe, Freundschaft und gegenseitigem Respekt getragenes menschliches Miteinander, das sich aus dem Blickwinkel eines starken, gleichwohl alle kindlichen Nöte des Ausgrenzens durchleidenden Mädchens Bahn bricht. Hervorragend gespielt und inszeniert. – Sehenswert ab 10.


Wo die wilden Kerle wohnen
Max ist ein kleiner Junge, der unter seiner Einsamkeit leidet und als Scheidungskind mit seinen Agressionen zu kämpfen hat. Deshalb schlüpft er in ein Wolfskostüm und macht Unfug, auch wenn ihn seine Mutter dann einen wilden Kerl schimpft und ohne Abendessen ins Bett schickt. Da verwandelt sich sein Zimmer in einen Wald. Max steigt in ein Segelboot und fährt zur Insel der Wilden Kerle, die ihn zu ihrem König machen. Allerdings bekommt er es dort auch bald mit ähnlichen Problemen wie in der wirklichen Welt zu tun. Ein bildgewaltiger Kinderfilm, der sensibel in die Schattenseiten kindlichen Erlebens eintaucht und sie unverkrampft zur Sprache bringt. – Sehenswert ab 10.


5. mich dürstet: „Mich dürstet.“
Joh 19, 28

Durst, Not, Trockenheit, Bedürfnis, Bitte

Babel
Vier scheinbar unabhängige, inhaltlich aber aufeinander bezogene und filmisch meisterhaft verknüpfte Episoden über Missverständnisse und Kommunikationsstörungen zwischen Menschen, aber auch zwischen Kulturen. In Marokko sollen zwei Brüder Ziegen hüten. Lieber aber spielen sie mit dem Jagdgewehr des Vaters, der damit die Herde vor Schakalen schützen will. Doch die Kinder schießen auf einen Bus mit Touristen und verletzten eine Amerikanerin schwer. In San Diego soll ihre Haushälterin deshalb ein paar Tage länger bei den Kindern der Verletzten bleiben. Doch da ihr Sohn während dieser Zeit in Mexiko heiratet, packt sie die Kleinen ins Auto und fährt los. In Tokio versucht ein junges, taubstummes Mädchen den Selbstmord ihrer Mutter zu verarbeiten. Doch wie oder mit wem soll sie darüber reden, zumal sich auch ihr Vater von ihr abschottet, der sich am Tod seiner Frau mitverantwortlich fühlt. Die im Titel anklingende biblische Metapher einer universellen Sprachverwirrung findet in dem virtuosen, von einer überwältigenden Bildkraft getragenen Drama eine exemplarische Ausgestaltung. – Kinotipp der katholischen Filmkritik. – Sehenswert ab 16.


6. vollbracht: „Es ist vollbracht.“
Joh 19,30

Vollendung, Tod, Sieg, Erschöpfung, Erlösung Finale, Konsequenz

Sophie Scholl
Drei Tage lang, vom 18. bis zum 20. Februar 1943, wird Sophie Scholl in der Gestapo-Zentrale in München verhört, weil sie als Mitglied der Weißen Rose Flugblätter im Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität verteilt hatte. Doch sie lässt sich von dem Beamten nicht einschüchtern, sondern beruft sich auf ihr Gewissen und auf Gott. Selbst als sie zwei Tage später vor dem Volksgerichtshof von Roland Freisler zum Tode durch das Fallbeil veruteilt wird, wahrt sie Fassung. Im Mittelpunkt des kammerspielartigen Dramas stehen die Verhöre, in denen Sophie Scholl ihre Überzeugungen vertritt. Erstmal standen für das Drehbuch die originalen Verhörprotokolle zur Verfügung, wodurch das bedrängendes Drama einen hohen Grad an Authentizität gewinnt. Nicht zuletzt durch das großartige Spiel der Darsteller ist der Film ein erschütterndes Zeitdokument. Kinotipp der katholischen Filmkritik. – Sehenswert ab 14.

Gran Torino
Der Rentner Walt Kowalski (Clint Eastwood), ein ehemaliger Ford-Mitarbeiter, wohnt in einer verarmten Vorstadtsiedlung von Detroit, die zunehmend von Hmong-Koreaner vervölkert wird. Obwohl der missmutige Witwer Asiaten verachtet, steht er einem von ihnen bei und verteidigt ihn gegen eine Gang, weil ihn sein Sinn für Gerechtigkeit dazu treibt. Das hat Konsequenzen, mit denen keiner gerechnet hat. Die gelassene Inszenierung lässt die bittere Geschichte jedoch weder im Porträt eines verbiesterter Mannes noch in einer Rachegeschichte versanden, sondern findet vielmehr viele Zwischentöne bis hin zur Selbstparodie, wodurch die Hauptfigur, aber auch das skizzierte Umfeld zum Anfassen glaubhaft werden. – Ab 16.


7. In deine Hände: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“
Lk 23, 44-46/ Ps 31,6

Heimat, Vertrauen, loslassen, zur Ruhe kommen

Straight Story
Alwin Straight kann nicht Auto fahren, will aber auch nicht gefahren werden. Deshalb setzt sich der 73-Jährige auf einen fahrbaren Rasenmäher, um von Iowa nach Wisconsin zu fahren. Der Grund: sein Bruder, mit dem er seit zehn Jahren keine Wort mehr wechselte, hat einen Herzinfarkt erlitten. Auf der Fahrt durch die Provinz begegnet er unterschiedlichen Schicksalen, vor allem aber einer großen Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft. Der Film schilder t eine von Nächstenliebe gekennzeichnete Welt, in der sich zwar auch düstere Gegenkräfte zu Wort melden, ohne dass diese gegen die innere Ruhe und Lebensweisheit der Hauptfigur etwas ausrichten könnten. – Sehenswert ab 12.


Girls Nights
Dawn (Brenda Blethyn), eine Arbeiterin aus einer nordenglischen Industriestadt, knackt beim Bingo den Jackpot. Kurz darauf aber erkrankt sie an Krebs. Eine Strahlentherapie bricht sie heimlich ab, nachdem sie keine Wirkung zeigt, um in Würde zu sterben. Ihre Freundin Jackie (Julie Walters) will sich damit nicht abfinden und überredet sie, sich ihren geheimen Lebenstraum zu erfüllen, nämlich einen Ausflug nach Las Vegas zu machen. Auch dort ist Dawn das Glück am einarmigen Banditen hold, doch die Krankheit holt die Frauen wieder ein. Die beiden beschließen, nach England zurückzukehren. Dawn bereitet sich auf ihre letzte Reise vor. Dank eines hervorragenden Drehbuchs und überzeugender Hauptdarsteller findet das britische „working class“-Drama eine souveräne Balance zwischen Unterhaltung und tiefen Gefühlen, was eine existenzielle Auseinandersetzung mit dem Thema möglich macht. – Sehenswert ab 14.



Übersicht über alle Quellen:

1. vergib Dead Man Walking
2. Paradies HoppetOben
3. siehe! An deiner SchulterRaus aus Amal
4. verlassen Elina Wo die wilden Kerle wohnen
5. mich dürstet Babel
6. vollbracht Sophie SchollGran Torino
7. In deine Hände Straight StoryGirls Nights