Brief 07- in Deine Hände

Brief 07- in Deine Hände

Offener Brief an Eva-Maria, 21:
„Jesus vertraut Gott blind. Um solche Worte aussprechen zu können, muss man die Person lieben, sich bei ihr geborgen fühlen. Vertrauen zu fassen, verlangt viel von einem Menschen. Es kann sehr schwer sein und lange dauern, bis Vertrauen wächst…“

Bevor Jesus am Kreuz stirbt, spricht er: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“.
Lk 23, 44


Liebe Eva-Maria,
„Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“ ist eines der letzen Worte Jesu am Kreuz. Die Evangelien überliefern uns sieben solcher Worte, die die Kirche immer wie ein „geistliches Testament“ gehütet hat - neben den Abschiedsreden im Johannesevangelium und den Worten des Auferstandenen bei Lukas.

Jesus macht ganz menschlich „End-Phasen“ des Lebens durch, wie sie oft zum Sterben eines Menschen gehören:
• Versöhnung: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34);
• Zuwendung: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43);
•Gemeinschaft: „Frau, siehe, dein Sohn“ – „Sohn, siehe, deine Mutter“ (Joh 19,26 f.);
• Verlassenheit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46);
• Durst/Sehnsucht: „Mich dürstet!“ (Joh 19,28);
• Ergebung/Vollendung: „Es ist vollbracht!“ (Joh 19,30);
• Hingabe/Vertrauen: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“ (Lk 23,46);

Auch bei Jesus, der ganz Gott und ganz Mensch ist, spüren wir ein menschliches Ringen und Wachsen in der Annahme seines Todes (vgl. auch die Szene am Ölberg in Mk 14,32 ff.). Das zeigt uns: Hier stirbt kein göttlicher Übermensch, den nichts berührt, kein Halbgott, kein Held, sondern ein wahrer Mensch mit uns und für uns – als wahrer Mensch mit uns allen, als wahrer Gott für uns alle. Es gibt keine Situation, keinen Abgrund, keine Dunkelheit, keine Einsamkeit und Verlassenheit mehr, in der er uns nicht begegnen möchte, da er alle Tiefen durchmessen hat. Auch in der letzten Situation sind wir von ihm nicht alleingelassen.

Mit seinem Ringen, seiner Hingabe und seinem Vertrauen geht er uns voraus und zieht jeden, der zu ihm aufschaut, zu sich. „Wenn ich (am Kreuz) über die Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen“ (Joh 12,32) – und er zieht sie alle mit in seine Auferstehung und sein Leben.

Deshalb können wir in einem uralten Lied singen: „O Kreuz, du einzige Hoffnung.“ Der grausame Schandpfahl wird zum Zeichen des Lebens, zum Schlüssel des Lebens, zum „Plus-Zeichen“ vor der Wirklichkeit aller Bedrängnisse und Leiden.

Es lohnt sich, in der wachsenden Freundschaft zu Jesus dieses Vertrauen in die Liebe Gottes mehr und mehr zu gewinnen.

Bischof Dr. Franz-Josef Bode