Brief 06 – vollbracht

Brief 06 – vollbracht

Offener Brief an Manuel,16:
„Meiner Meinung nach ist es gut, konsequent zu sein. Man soll immer seine Meinung vertreten und sich von anderen nicht unterdrücken lassen.
Es ist z.B. im Sport oder in der Schule sehr wichtig, bis zum Ende konsequent zu sein und für sein Ziel zu kämpfen. Ich finde gut, dass Jesus sein Ziel bis zum Tod am Kreuz verfolgt hat.“


Als Jesus am Kreuz stirbt, ruft er: „Es ist vollbracht.“
Joh 19,30

Lieber Manuel,

Mir fällt dazu eine Stelle aus der Bibel ein. Sie steht in der „Offenbarung des Johannes“/ Apokalypse. Darin heißt es: „Wärest Du doch heiß oder kalt, da Du aber lau bist, will ich dich ausspeien aus meinem Munde" (3,15f.).
Wer konsequent ist, wer sich nicht von anderen den Mund verbieten lässt, sich nicht von anderen verbiegen lässt, wer entschieden seinen Weg bis zum bitteren Ende geht – der ist „heiß“. Der brennt für eine Sache. Für „seine“ Sache. Der ist überzeugt davon, dass der eigene Weg, so wie er ihn im Moment geht, der richtige ist.

Auch wenn Jesus seinen Weg für uns konsequent gegangen ist, heißt das nicht, dass ihn jeder Mensch „bis zum bitteren Ende“ gehen kann und muss. Ich finde es wichtig, die eigene Meinung zu sagen, eine Position zu beziehen und sich dabei auch angreifbar zu machen. Angreifbar heißt nicht nur, konkret zu werden, sondern auch in die Auseinandersetzung mit anderen zu gehen. Nur weil ich davon überzeugt bin, dass meine Position die richtige ist, muss das nicht heißen, dass alle anderen das genauso sehen oder ich „recht“ habe. Wir leben in einer Gemeinschaft von Menschen und müssen deshalb miteinander aushandeln, was richtig und gut ist.
Dabei hilft das Evangelium, aber es ist keine Rezeptekiste oder der Freibrief für rücksichtloses Durchsetzen eigener Positionen.

Mir gibt das Evangelium und der Lebensweg Jesu ein positives Menschenbild mit auf den Weg: Alle Menschen sind von Anfang an von Gott geliebt! Natürlich setze ich mich zur Wehr, wenn jemand meine Meinung unterdrücken will, aber ich gehe nicht davon aus, dass die Menschen grundsätzlich nichts Besseres im Sinn haben, als mich zu unterdrücken. Zu einem eigenständigen Menschen gehört das nötige Rückrat, auch mal bei Gegenwind eine Position durchzuziehen, wenn ich meinen Weg vor mir, den anderen und Gott begründen kann. Es bedeutet aber auch, von meinen Sichtweisen und meinem Denken einen Schritt zurücktreten zu können und vielleicht andere Sichtweisen zum Zug kommen zu lassen, nicht aus Feigheit, sondern aus Einsicht oder auch aus Demut. Im Glauben kann ich nicht gewinnen oder verlieren, ich kann Halt finden, Orientierung und durch das Gespräch mit Gott meinen Weg immer wieder neu bestimmen. Gott hat uns wichtige Gaben mit auf den Weg gegeben, um unseren Weg zu finden: ein waches Herz und Verstand; Hände und Phantasie und Talente. Und weil er weiß, dass wir Menschen nichtsdestoweniger immer wieder ins Straucheln geraten, hat er uns zudem als „Nummer sicher“ den Heiligen Geist mit auf den Weg gegeben. In Taufe und Firmung bekommst Du ihn ganz ausdrücklich zugesprochen.

Ich weiß: das sind alles hehre Worte. Die lassen sich leicht hierhin schreiben. Der Alltag ist manchmal unübersichtlich und der Weg nicht so ohne weiteres zu finden.

Deshalb sollen Dich auch ein paar Wünsche begleiten: nämlich, dass Du nicht müde wirst, für das Gute zu brennen und mit einem weiten Herz einzustehen. Auch, dass Dir das gelingt, ohne faule Kompromisse eingehen zu müssen. Und dass Du Dich dabei getragen fühlst von beeindruckenden Mitstreitern und von einem Gott, der genauso seine Wege bis zum Ende durchhält.

Lieber Manuel. Nur weil Jesus seinen Weg konsequent und brennend bis zum Ende gegangen ist, können wir heute eine Hoffnung haben, dass Gott selbst uns im Moment des Todes auffängt und was Neues eröffnet. Konsequente Wege führen eben weiter. Im besten Fall in neues Leben. Im Tod, aber – und das ist das Tolle – auch schon immer wieder hier und heute, greifbar im eigenen Leben.

Alles Gute,

Sabine Wißdorf


Sabine Wißdorf ist Geschäftsführerin der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der DBK
Und somit Mitherausgeberin der Ökumenischen Kreuzwegs der Jugend