Brief 04- verlassen

Brief 04- verlassen

Offener Brief an Thomas 17:
"Man wird immer einen sicheren Rückhalt finden, wenn nicht bei Freunden dann wenigstens bei Gott. Glauben ist mit Zweifel und Unsicherheit verbunden, aber das genau macht es aus. Kein Glaube ohne Zweifel. Der Ausruf ´Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?´ ist doch ein Beweis für die menschennahe Gegenwart Gottes."

Als die sechste Stunde kam, brach über das ganze Land eine Finsternis herein. Sie dauerte bis zur neunten Stunde. Und in der neunten Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
Mk 15,34


Lieber Thomas!
Ich erlebe bei ganz vielen Menschen, dass sie sich einen sicheren Rückhalt wünschen. Auch in mir ist dieser Wunsch ganz groß.
Für mich waren und sind gute Freunde so ein Rückhalt. Ich weiß: Ich kann zu ihnen kommen, sie zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen, Ihnen eine sms, eine Email schicken, einen Brief schreiben. Ich kann Ihnen von mir erzählen und ihnen alles sagen. Gerade in Zeiten, als meine Eltern mir für einige Zeit schwierig wurden, ich den Eindruck hatte, sie können und vielleicht auch wollen mich nicht verstehen, waren mir meine Freunde noch kostbarer.
Als in mir der Wunsch wuchs, Priester zu werden, meinen erlernten Beruf aufzugeben, noch einmal ganz neu anzufangen, als sich da auf dem Weg zum Abitur für mich in einem Fach schier unüberwindliche Schwierigkeiten aufgetan haben, da entdeckte ich auch Gott noch einmal ganz neu. „Willst Du mich nun auf diesem Weg der Nachfolge, zu dem ich Deinen Ruf in mir spüre, oder soll das an diesem „blöden Latein scheitern?“, so fragte ich ihn oft. Manchmal voller Traurigkeit, voller Enttäuschung. Ich zweifelte, ob der eingeschlagene Weg für mich der richtige war … Aber ich fand Halt.
Heute denke ich, ich musste da durch, um andere noch besser verstehen zu können, wenn die sich verlassen und verloren vorkommen.
Inzwischen habe ich oft neu angefangen. Als Student, als „mutiger Englisch-Fünfer“ mit zwei Studiensemestern in den USA, bei meinen Überlegungen hinsichtlich meiner Lebensform, als Praktikant, als Kaplan, als „Jugendarbeiter“. Und erst vor wenigen Wochen startete ich viele hundert Kilometer von meiner „Heimat“ entfernt, eine neue Aufgabe.
Manchmal komme ich mir verlassen vor. Freunde und Familie, Vertrautes, gewohnte Sprache, Menschen, mit denen ich ganz selbstverständlich jeden Tag Kontakt hatte, weit weg.
Aber ich spüre: Gott ist mit mir und für mich. Er glaubt an mich und ich glaube an seine Kraft in mir. Und ich darf erleben: Viele halten Kontakt, ermutigen mich, andere gehen ganz offen und herzlich auf mich zu und helfen mir, in meinem Neubeginn.
Gott ist mir in vielen Menschen nah. Und ich möchte viele ermutigen, ihm zu vertrauen, ihn zu suchen, vielleicht sogar zu ihm zu rufen: Ich weiß, Du verlässt mich nicht, und wenn ich mir noch so verlassen vorkomme.

Lieber Thomas!
Was mich immer wieder staunen lässt, und auch sehr froh macht, ist, dass wir verlassenen Menschen nahe sein, nahe kommen dürfen, in Gedanken, im Gebet, im Bei-ihnen-sein. Gott will durch uns bei den Menschen sein. Und: Er ist durch Menschen bei mir.
Dass Du Dir nie ganz und gar verlassen vorkommst, und wenigstens ein Wort, ein Blick, eine Spur von Gott Dich erreichen, das wünscht Dir von Herzen
Dein Simon

Pfarrer Simon Rapp, BDKJ-Diözesanpräses