Brief 01 - vergib!

Brief 01 - vergib!

Daniela, 16, schreibt:
Manche Sachen sind schwer zu vergeben, wie etwa Mobbing. Wie kann man als Mensch, der von anderen so bedrängt wurde, vergeben? Das ist eine sehr schwierige Frage und ich weiß nicht, ob ein Mensch in so einer Situation eine Antwort darauf finden kann.

Offener Brief an Daniela

Liebe Daniela,
Du hast Recht: Zu vergeben, das fällt manchmal richtig schwer; und es gibt Situationen, wo das zunächst überhaupt nicht geht: Weil es eine absolute Überforderung für mich bedeuten würde, weil ich es innerlich nicht fertig kriege – und vielleicht sogar (so komisch das klingen mag), weil Vergebung auch gar nicht immer richtig und am Platz ist – jedenfalls nicht auf die Schnelle und einfach so.
Wenn ich jemandem vergebe, dann kann mich das viel kosten: Kraft, Energie, Überwindung...und es bleibt ja schließlich die Frage: warum eigentlich? Nur weil ich es muss? Weil die Bibel, die Kirche, mein Glaube das von mir fordert? Oder weil es auch für mich gut ist?

Wenn jemand mich aus Versehen im Gedränge anrempelt und sagt: „Sorry!“, dann ist alles ok. Schwamm drüber. Vergebung eigentlich nicht nötig.
Anders ist es schon, wenn im Restaurant jemand aus lauter Doofheit oder wegen seiner hohen Promillezahl ein Glas Rotwein über meine frisch gereinigte Hose kippt; dann erwarte ich eigentlich, dass er sich nicht nur höflich entschuldigt, sondern mir auch anbietet, die Reinigung zu bezahlen und dass er mich zum Ausgleich für meinen Ärger zu irgendeinem Getränk einlädt. Dann hat er einen Ausgleich für seine Schuld geschaffen, und das ist richtig so. Großzügig sein und ablehnen – also „vergeben“ ohne Gegenleistung - kann ich dann fallweise immer noch.
Noch etwas ganz anderes ist es, wenn der Typ das mit Absicht gemacht hat, um mir zu schaden. Dann will er ganz offensichtlich mich treffen und er will mir bewusst Böses. Er weiß, was er tut. Mit einem lässigen „Sorry!“ – „Okay!“ oder auch mit 7 Euro Schadensersatz ist es dann ja nicht getan: Denn da geht es ja um die Beziehung zwischen ihm und mir, die offensichtlich kaputt ist, und es geht um Bösartigkeit, seinen bösen Willen. Das ist mit Vergebung nicht wegzuwischen – aber vielleicht ist Vergebung der Anfang, um etwas zu heilen?

Vergeben hat immer mit Schuld und mit Zerstörung zu tun: Jemand ist an mir schuldig geworden oder ist mir etwas schuldig geblieben. Und er oder sie hat etwas zerstört. Schuld und Zerstörung kann man nicht mal eben en passant, im Vorbeigehen „wegvergeben“ – dazu sind die Schmerzen oft zu tief und die Verluste zu groß.

Ich habe das an deinem Beispiel „Mobbing“ für mich durchgespielt:

Wer andere mobbt, der vollzieht damit ja mindestens drei Zerstörungen:
Wer mobbt, zerstört etwas im Leben von anderen Menschen: Er zerstört die berufliche Existenz, wenn es ihm gelingt den anderen rauszuekeln oder durch böse Nachrede, Anschwärzen usw. raus zu drängen. Oder er zerstört sein Leben in einer Gemeinschaft wie z.B. einer Schulklasse: Dieses Rausdrängen gibt es am Arbeitsplatz genauso wie in Schulen, Vereinen oder Cliquen und das ist immer übel. Noch viel schlimmer ist dabei oft, wie viel in der Seele eines Menschen zerstört wird: an seiner Lebensfreude, seinem Selbstbewusstsein, seinem Lebensgefühl. Wer mobbt, zerstört Leben und wird an einem anderen Menschen schuldig.
Wer mobbt, zerstört damit auch Beziehungen. Die Beziehung zwischen dem Mobber und dem Gemobbten scheint unwiderruflich kaputt und ist oft von Angst, Hass und auf der anderen Seite von sadistischer Schadenfreude gekennzeichnet.
Wer mobbt, ist nicht nur objektiv ein Schwein, er macht sich in gewissem Sinn auch selbst dazu: Er zerstört sein eigenes menschliches Gesicht, weil ich als Gemobbter von dem anderen nur noch sein bösartiges Gesicht sehe, weil er sich nämlich mir gegenüber bösartig, gemein und hinterhältig zeigt.
Vergeben hat genau mit diesen drei Zerstörungen zu tun.
Normalerweise reagieren Menschen auf Schuld und auf Zerstörungen von etwas für ihr Leben Wichtiges mit Zorn und dem Bedürfnis nach Ausgleich, nach Rache. Wer an mir schuldig geworden ist oder in meiner Schuld steht, der muss dafür bezahlen: Nämlich „Auge um Auge...“
Das ist eigentlich auch in Ordnung: In uns allen steckt ein tiefes Bedürfnis nach Gerechtigkeit und Balance. Wenn mir jemand etwas angetan hat, an mir schuldig geworden ist, dann ist etwas aus dem Gleichgewicht und aus der Balance geraten und es ist „ungerecht“. Nur wenn jemand seine Schulden bezahlt und wenn für Ausgleich gesorgt ist, dann ist meine Welt wieder in Ordnung. In vielen Situationen – vor Gericht aber auch privat – gibt es ja heute nicht nur eine Strafe, sondern man versucht darüber hinaus, einen „Opfer-Täter-Ausgleich“ hinzukriegen.
Vergeben heißt: Ich erlasse dem anderen seine Schuld. Ich bestehe nicht auf meinem Recht auf Ausgleich. Ich verzichte auf Rache und zahle es Dir nicht heim, was Du mir angetan hast – auch wenn ich es könnte.
Voraussetzung ist allerdings normalerweise, dass der andere zumindest seine Schuld erkennt und einsieht, sie also „bereut“ – und um Vergebung bittet. Selbst wenn er den Schaden nicht mehr gutmachen kann, bedeutet diese Reue und die Bitte um Vergebung, wenn sie denn ernst gemeint ist, solch einen Ausgleich und sie bringt mich wieder in eine innere Balance.

Das hat etwas mit der Beziehungsebene zu tun. Vergeben heißt ja auch: Ich versuche die zerstörte Beziehung zu dem anderen wieder ins Reine zu bringen, in Ordnung zu bringen. Ich versuche das Meine zu tun, um die Beziehung zu heilen. Und ich fange damit an!
Wenn ich jemandem – z.B. auch jemandem, der mich gemobbt hat - innerlich vergebe und ihm das vielleicht sogar sage, dann verhärte ich mich nicht innerlich und dann bleibe ich nicht bei meinem (berechtigten) Zorn stehen, sondern ich gebe dem anderen und der Beziehung eine Chance.
Vergebung ist dann ein Prozess, der damit beginnt, dass ich mit jemandem ein Gespräch beginne, ihn frage und rauszukriegen versuche, warum er das getan hat – das Mobbing beispielsweise. Vergebung heißt dann: Ich überwinde mich und tue den ersten Schritt auf den anderen zu: Und es ist ganz überraschend: aber oft (leider nicht immer) ist der andere dann ganz verwundert und geht darauf ein – eine Beziehung kann heilen.
Voraussetzung dazu ist, dass ich mein Bild von dem anderen verändere. Ich sehe nicht mehr nur einfach sein „böses Gesicht“, dass er mir gezeigt hat, sondern ich versuche dahinter zu blicken. Ich ändere meine Perspektive. Das geschieht zum Beispiel, wenn ich zu verstehen versuche, warum der andere so gehandelt hat: Vielleicht ist er ja gar nicht böse, sondern hat selbst nur eine tierische Angst um seinen eigenen Arbeitsplatz oder seine Rolle in der Gruppe?
Das genau ist es, wenn Jesus am Kreuz sagt: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“. Jesus versetzt sich damit in die Perspektive dieser anderen. Und er sieht die ganzen Verwickeltheiten, die Unwissenheit und die Begrenztheiten, in denen diese Leute stecken – und sie sind damit nicht mehr „fiese Schweine“, sondern arme Menschen, die eigentlich Mitleid verdienen und Hilfe brauchen.

Jesus, der Sohn Gottes, tut dies aus der Kraft des Geistes Gottes heraus. Aber dieser „Heilige Geist“ ist ja allen Christenmenschen verheißen und gegeben.....
Zuletzt:
Es gibt noch einen guten Grund, sich ins Vergeben einzuüben bzw. zu vergeben: Wer nicht vergibt, schadet sich auch selber. Wer nicht vergeben kann, trägt eigentlich immer den Zorn, die Wut, die Rache-Gedanken und -Gefühle, die Verletzung mit sich herum wie eine offene Wunde, die zwar mit der Zeit vernarbt, aber immer wieder aufbrechen kann – und die erst heilt, wenn man vergeben kann und vergeben hat.

Michael Freitag
Referent für Theologie, Bildung und Jugendsoziologie bei der
Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V. (aej)